Nichts gegen Schlagermusik. Raed Saleh beispielsweise mag Heintje. Das gesteht er auf Seite 85 von Ich deutsch. Die neue Leitkultur. Das Buch mit dem – warum auch immer – absichtlich grammatikalisch falsch formulierten Titel ist seit vergangenem Mittwoch auf dem Markt und bleibt so banal wie Heintje. In sieben Kapiteln und auf rund 220 Seiten widmen sich Saleh und sein Co-Autor Markus Frenzel der Frage, wie ein "friedliches, angstfreies, gerechtes Miteinander aller 82 Millionen Deutschen in größtmöglicher Harmonie" gewährleistet werden könne. Das sei die "Zielvorgabe" schreibt SPD-Politikers Saleh. Er wurde in Palästina geboren und kam mit vier Jahren nach Deutschland. Inzwischen ist er 40 Jahre alt und hat es vom Mitarbeiter eines Fast-Food-Restaurants zum Fraktionsvorsitzenden im Berliner Abgeordnetenhaus gebracht. Schon als Sechsjähriger, schreibt Saleh, habe er begonnen, sich damit auseinanderzusetzen, was es bedeute, Deutscher zu sein und auch schon gewusst, dass er "genauso" dazugehöre wie alle anderen.

Nun hat er sich Gedanken darüber gemacht, wie auch andere Zuwanderer Teil dieser Gesellschaft werden und von Alteingesessenen auch so wahrgenommen werden können. Ein Problem bleibt bei Saleh ganz außen vor: dass es nicht damit getan ist, sich als Deutscher zu fühlen, wenn andere einen als solchen nicht akzeptieren – sei es wegen des Namens, der Aussprache oder des Aussehens.


Liebe deinen Nächsten wie dich selbst

Zehn Punkte definiert Saleh als seine "neue deutsche Leitkultur". Bevor er sich diesen ausführlicher widmet, gibt er im ersten Kapitel einen Rückblick auf die seit 1998 immer wieder entfachte Leitkulturdebatte. Saleh will bessere Vorschläge machen als die anderen Politiker – etwa Friedrich Merz als CDU-Bundestagsvorsitzender im Oktober 2010 oder wie zuletzt in diesem Frühjahr Bundesinnenmister Thomas de Maizière. Moralische Grundlagen sollen laut Saleh in der neuen Leitkultur definieren, welches Verhalten als "gut und richtig" empfunden wird, und welches als "böse und verwerflich". Saleh leitet sie von der "goldenen Regel" ab, die es in allen großen Religionen gebe: "Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst" und "Was du selbst nicht wünschst, das tu auch anderen nicht an". Viel konkreter wird es nicht. Ja, und das Grundgesetz gehört laut Saleh auch zu der neuen deutschen Leitkultur. Sein Inhalt sei Konsens und daher müsse, wer dauerhaft bei uns leben will, etwa auch die  Gleichberechtigung von Frau und Mann akzeptieren. Da gebe es noch Nachholbedarf. Was aber soll mit all den Menschen passieren, die deutsche Staatsbürger sind und sich mit der Gleichberechtigung der Geschlechter nicht anfreunden wollen? Eine Antwort findet sich im Buch nicht.

Origineller ist immerhin, was Saleh zur Sprache schreibt. Es geht ihm weniger darum, die Beherrschung der deutschen Sprache als Grundlage eines funktionierenden Alltags und friedlichen Zusammenleben zu erklären. Vielmehr findet Saleh, dass der deutschen Sprache eine "Frischzellenkur" gut bekommt, die ihr Autoren mit sogenanntem Migrationshintergrund verabreichen. Die neue deutsche Leitkultur brauche nicht nur ein "modernes, weltoffenes und kreatives Deutsch", sondern müsse auch Mehrsprachigkeit als eine Bereicherung ansehen.