Als Martin Schulz im Januar seine Kanzlerkandidatur verkündete, verordnete er seiner Partei ein klares Leitbild: Gerechtigkeit. Schon wieder?, fragten die politischen Beobachter. Mit dem gleichen Motto hatte doch eben noch Peer Steinbrück die Wahl für die Sozialdemokraten verloren. Doch Schulz ließ sich nicht beirren – zu Recht, wie die Erhebung von YouGov zeigt.

81 Prozent der aktuellen SPD-Wähler finden das Thema soziale Sicherheit im Wahlkampf sehr wichtig, weitere 16 Prozent immerhin wichtig. Gleichauf liegt die Diskussion um die Zukunft der Rente, die ebenfalls 81 Prozent sehr wichtig finden. Auch die Gesundheitsvorsorge, ein weiteres klassisches Gerechtigkeitsthema, gehört für die SPD-Basis zu den wichtigsten drei Politikfeldern im Wahlkampf.

Es folgen mit etwas Abstand der Schutz vor Verbrechen und Terror sowie die Fragen von Bildung und Erziehung. Einwanderung und Flüchtlinge, das größte Thema in der politischen Debatte der letzten Jahre, scheint für die SPD-Anhänger zwar relevant, aber nicht drängend zu sein: 63 Prozent finden es sehr wichtig, 27 wichtig.

Internet und Digitalisierung spielen bei den SPD-Anhängern hingegen kaum eine Rolle. 20 Prozent der Befragten gaben an, das Thema sei überhaupt nicht wichtig – ein Höchstwert in der Erhebung. Ebenfalls untergeordnet für den Wahlkampf sind Verkehr und Mobilität sowie die Außen- und Verteidigungspolitik.

Gemeinsamkeiten mit der Union

Hier zeigen sich die ersten deutlichen Unterschiede zwischen den beiden Volksparteien: Nur 74 Prozent der befragten CDU-Anhänger finden die soziale Sicherheit sehr wichtig. Viel drängender finden sie den Schutz vor Verbrechen und Terror. Doch dass die inhaltlichen Grenzen zwischen den Parteien der großen Koalition verschwimmen, zeigt sich nicht nur im Parlament, sondern auch unter den Anhängern. Das Thema Einwanderung und Flüchtlinge hat die Union in den letzten zwei Jahren bis an den Rand der Spaltung getrieben – jetzt finden es die Anhänger, ähnlich wie bei der SPD, nur noch mäßig relevant.

Recht einig sind sich die Wähler von CDU und SPD, wenn es um politische Grundsatzfragen geht. YouGov hat Anhänger der beiden Volksparteien gefragt, wie stark sie zwei gegenteiligen polarisierenden Aussagen zustimmen. Ein Beispiel: "Der Staat sollte sich so weit wie möglich aus der Wirtschaft heraushalten" versus "Der Staat sollte regulierend in die Wirtschaft eingreifen, um wichtige gesellschaftliche Ziele zu erreichen". Sowohl CDU- als auch SPD-Anhänger tendieren leicht zum regulierenden Staat. Ebenfalls einig sind sich die aktuellen Wähler der beiden großen Parteien bei der Frage, ob der Staat mehr Schulden aufnehmen sollte oder weniger (beide Lager finden: weniger), außerdem finden beide, dass die EU vertieft werden und Deutschland Einwanderung ermöglichen sollte.

Soll der Staat die Wirtschaft regulieren?

Eine deutliche Differenz zeigt sich lediglich bei drei Fragen: So gestehen CDU-Anhänger beim Kampf gegen Terrorismus eher dem Staat mehr Durchgriffsrechte, SPD-Wähler tendieren dazu, den Schutz der Persönlichkeitsrechte gegenüber dem Staat hochzuhalten. Außerdem stimmen die SPD-Anhänger deutlich stärker der Forderung nach mehr Steuern und Sozialleistungen zu.

Wachstum auf Pump?

Die YouGov-Umfrage zeigt, dass die SPD diesmal auf Nicht- und Wechselwähler hoffen kann: Nur knapp die Hälfte der Wähler mit aktueller SPD-Präferenz hat 2013 für die Sozialdemokraten gestimmt. 19 Prozent haben damals gar nicht gewählt, acht Prozent haben für die CDU gestimmt, immerhin fünf Prozent kommen aus dem Lager der Grünen, drei von der Linkspartei.

Das SPD-Milieu: über 50, Durchschnittsverdiener, zufrieden

Auch wenn die SPD viele ehemalige Nichtwähler anzieht – sie ist das Gegenteil einer Protestpartei. Denn: Sozialdemokraten sind überdurchschnittlich glücklich. 72 Prozent sind mit ihrem Lebensstandard zufrieden – die Wähler aller anderer Parteien kommen hier nur auf einen Schnitt von 66 Prozent. Die Aussage, das Land gehe vor die Hunde, lehnte die Mehrheit der SPD-Wähler ab (55 Prozent). Optimistischer sind nur die Grünen.

Es gehört sich zu heiraten, bevor man Kinder bekommt.
Nur 28 Prozent der SPD-Wähler stimmen dem zu.

SPD-Wähler sind im Schnitt progressiver als der Durchschnitt der restlichen Wähler. Der Aussage, wonach der Klimawandel die größte Bedrohung für die Menschheit sei, stimmten 69 Prozent der Wähler insgesamt zu, unter SPD-Wählern waren es deutlich mehr, 77 Prozent. Noch deutlicher sehen das nur die Grünen so. SPD-Anhänger sind zudem wesentlich häufiger der Auffassung, dass Familien auch ohne "typische Familienstrukturen" liebevoll sein können. Überdurchschnittlich oft legen SPD-Anhänger außerdem Wert darauf, mit ihrer Arbeit zu "mehr Menschlichkeit" beitragen zu könne.

Familien können auch ohne die typische Familienstruktur liebevoll und unterstützend sein.
86 Prozent der SPD-Wähler stimmen dem zu.

Konservative Aussagen lehnen SPD-Wähler überdurchschnittlich häufig ab: "Es gehört sich zu heiraten, bevor man Kinder bekommt", sagen nur 28 Prozent der Befragen Sozialdemokraten – gegenüber 32 Prozent der übrigen Wähler.

Schulabschlüsse der SPD-Wählerschaft

Ihrem Anspruch, die Mitte der Bevölkerung zu repräsentieren, wird die SPD zumindest mit Blick auf ihre Anhängerschaft gerecht. Etwa gleich viele Männer und Frauen können sich aktuell vorstellen, sozialdemokratisch zu wählen. Die Mehrzahl der SPD-Wähler hat einen Realschulabschluss: 39 Prozent. 36 Prozent haben Abitur, 23 Prozent einen Hauptschulabschluss. Auch beim Einkommen sind die Sozialdemokraten Durchschnitt: 1.500 Euro netto und weniger pro Monat verdienen 20 Prozent der SPD-Anhänger, mehr als 3.000 Euro bekommen 27 Prozent. Die Mehrzahl, 40 Prozent, liegt im Korridor zwischen 1.500 und 3.000 Euro.

Einkommen der SPD-Wählerschaft

Auf dem Höhepunkt des Schulz-Hypes Anfang des Jahres traten viele Menschen in die SPD ein, besonders über den Zuwachs an jungen Neumitgliedern freute sich die Partei. Doch das ändert nichts an der Wählerstruktur der Partei, und hier haben die Sozialdemokraten ein Problem: Sie sind überdurchschnittlich alt. 51 Prozent ihrer Anhänger sind älter als 50 Jahre. Unter den anderen Parteien fallen durchschnittlich 44 Prozent in diese Altersgruppe. Mehr als ein Viertel der SPD-Anhänger ist in Rente (28 Prozent). Junge Menschen sind unterdurchschnittlich unter den SPD-Anhängern vertreten: nur 18 Prozent der SPD-Sympathisanten sind zwischen 18 und 29 Jahren, gegenüber 20 Prozent bei den anderen Parteien. 

Alter der SPD-Wählerschaft

Sozialdemokraten engagieren sich überdurchschnittlich stark in Vereinen und Gewerkschaften. Zwölf Prozent sind Mitglied in einer Gewerkschaft – unter allen anderen Parteien sind es im Schnitt sieben Prozent – damit liegt die Arbeitnehmervertretung unter den Genossen noch vor dem Fußballverein (neun Prozent). Unangefochten auf dem ersten Platz liegt jedoch der ADAC: Mehr als ein Viertel der SPD-Anhänger ist Mitglied beim Automobilclub.

Die Ergebnisse unserer Wähleranatomie stützen sich auf zwei Samples des Umfrageinstituts YouGov: In der Datenbank des Instituts sind 12.076 Wähler, ausgewertet wurde im Zeitraum von Februar 2017 bis Mai 2017. Speziell für diese Studie wurde ergänzend eine Onlineumfrage vom 13. bis 19 Juni durchgeführt.