Ein Teil der Empörung über Gauland ist durchaus verlogen. Denn auch Politiker anderer Parteien jonglieren mit der Entsorgungsmethaper: Ein Rostocker Linken-Bürgerschaftsabgeordneter demonstrierte 2015 gegen die AfD mit einem Plakat, auf dem zu lesen war: "Besorgte Bürger entsorgen". Seine Partei ging auf Distanz, ein AfD-Politiker zeigte ihn an. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs, der seiner Empörung über Gauland auf Twitter mit beleidigenden Worten Luft machte ("gauland ist ein mieser, dreckiger hetzer. solche arschlöcher braucht niemand"), hatte schon 2013 getwittert, er wolle "Merkel entsorgen" – gemünzt auf ein mögliches Ende ihrer Kanzlerschaft zur nahenden Bundestagswahl.  

Doch Gauland thematisierte im Unterschied zu Kahrs und anderen auch Özoğuz’ familiäre Herkunft. Bei Merkel oder den meisten AfD-Mitgliedern liefe das ins Leere. Nicht so bei Nachkommen von Einwanderern. Dass sich solches Denken in der AfD konzentriert, zeigt auch der Berliner Bundestagskandidat Nikolaus Fest: "Wir riefen Gastarbeiter, bekamen aber Gesindel", schrieb er 2014 in einem Kommentar der Bild am Sonntag. Der Text schloss mit dem Satz: "Ich brauche keinen importierten Rassismus, und wofür der Islam sonst noch steht, brauche ich auch nicht."  Er wurde dafür vom Presserat gerügt. Fest verließ den Verlag und trat anderthalb Jahre später der AfD bei.

Leute, die derart zuzuspitzen vermögen, passen zu der Partei der Rechtspopulisten. Denn in dem Ende 2016 verfassten strategischen Konzept der Partei für das Wahljahr ist die Provokation als wichtiges Kampfmittel benannt: "Je nervöser und je unfairer die Altparteien auf Provokationen reagieren desto besser", heißt es in dem öffentlich gewordenen Geheimpapier. "Je mehr sie versuchen, die AfD wegen provokanter Worte oder Aktionen zu stigmatisieren, desto positiver ist das für das Profil der AfD. Niemand gibt der AfD mehr Glaubwürdigkeit als ihre politischen Gegner." Gezielt rangiert hier die Wirkung vor den Inhalten: "Kurze Slogans sind erfolgversprechend, nicht lange Abhandlungen. … Konzentration auf Eingängiges geht vor Vollständigkeit, harte und provokante Slogans sind wichtiger als lange, um Differenzierung bemühte Sätze." Insofern waren Gaulands Äußerungen wohl doch kein Ausrutscher. Die nächste Provokation wird nicht lange auf sich warten lassen.