Unterschiedlicher könnten die beiden TV-Formate nicht sein. Angela Merkel steht an einem Tisch im Studio des Privatsenders RTL. Ein dunkles Halbrund voller Zuschauer, die der Kanzlerin Fragen stellen, der Moderator gibt nur Stichworte. Horst Seehofer dagegen sitzt in einem roten Stuhl; hinter seinem Rücken tuckern Ausflugsdampfer durch den Sonnenschein über die Spree. Ihm gegenüber zwei Profi-Fragesteller der öffentlich-rechtlichen ARD.

Die Kanzlerin redet über eine Stunde, der bayerische Ministerpräsident bekommt 18 Minuten. Beinahe gleichzeitig geben die Chefs der Unionsparteien CDU und CSU am Sonntagabend große Interviews. Und bei allen Unterschieden der Formate und der Parteichefs wird deutlich: Die Union ist wieder eine.

Schon vor Monaten haben beide Parteichefs, besonders Horst Seehofer, ihre Leute darauf eingeschworen, die Streitereien einzustellen. Nicht gerade euphorisch erklärte sich die CSU Anfang des Jahres bereit, Merkels Kanzlerkandidatur zu unterstützen. Bei der Arbeit am gemeinsamen Regierungsprogramm muss den Parteien aufgefallen sein: So groß sind die Unterschiede ja tatsächlich nicht. Und weil der konsensorientierte deutsche Wähler keinen Streit mag, schon gar nicht der konservative, besann sich die Union darauf, was sie seit Jahren stark macht. Das Gleiche sagen, aber trotzdem irgendwie verschieden klingen.

Selbst bei der Flüchtlingsfrage schmelzen die Unterschiede

Erdoğan, Flüchtlinge, Sicherheit, Diesel – in der Richtung sind sich die Parteichefs einig. Das beginnt schon damit, wie sie in ihren jeweiligen Sendungen übereinander reden. Seehofer lobt Merkel an zwei Stellen, einmal fast überschwänglich: Die Kanzlerin mache das "seit Monaten sehr klug", wie sie mit dem türkischen Präsidenten umgehe: "Ich kann sie nur bestärken, dass sie bei dieser Klugheit bleibt." Merkel selbst erwähnt Seehofer nur einmal: Eine ehrenamtliche Flüchtlingshelferin aus Bayern fragt die Kanzlerin in der Sendung, was sie davon halte, dass geduldete Flüchtlinge selten arbeiten dürften. Merkel verspricht, sich bei Seehofer darüber zu erkundigen. Das war's.

Die Kanzlerin lobt die CSU dann zumindest noch indirekt, als sie betont, dass beim Thema Innere Sicherheit die rot-grün geführten Länder hinter den von der Union regierten zurück hinkten. Seehofer hingegen ist da wesentlich unbescheidener: "Die Sicherheitslage in Bayern ist die beste in Deutschland."

Beim größten Streitthema zwischen den beiden, der Flüchtlingspolitik, sind die Differenzen inzwischen semantischer Natur. Merkel konstatiert nach wie vor: "Rückblickend finde ich meine Entscheidung von damals richtig." Gemeint ist der Sommer 2015, als die Kanzlerin die Grenzen für Flüchtlinge nicht schließen wollte. Aber sie schiebt nach: "Wir haben einiges dafür getan, dass sich das nicht wiederholt." Nie mehr soll Deutschland derart die Kontrolle verlieren, so sagt es Merkel seit Monaten, so ähnlich steht es auch im Wahlprogramm der Union.

"Die Situation hat sich verändert"

Und Seehofer? Der weckt kurz die Berliner Politikjournalisten aus dem doch eher ereignisarmen Wahlkampf. "Seehofer rücke von der Obergrenze ab", brummt die Eilmeldung auf den Smartphones. Tatsächlich kann man das, was der CSU-Chef in der ARD sagt, so interpretieren. "Die Situation hat sich verändert, der Kurs in Berlin hat sich verändert", sagt er. "Wir haben jetzt deutlich weniger Zuwanderung als zu dem Zeitpunkt, wo ich dieses Zitat gebracht hatte." Dieses Jahr werde die Obergrenze wohl ohnehin nicht erreicht, weil viel weniger Flüchtlinge ankämen. Auch auf mehrmalige Nachfrage vermeidet er die Worte "Bedingung für einen Koalitionsvertrag", die bis zum Frühjahr reflexhaft auf das Wort "Obergrenze" folgten.

Schon Minuten später fühlt sich der CSU-Chef missverstanden. "Wenn ich das sage, gilt das. Kein Abrücken von der Obergrenze. Die 200.000 bleiben", sagt er. Aber er schiebt nach: "Wenn anstelle der 'Obergrenze' 'Kontingent' steht, das ist nicht mein Problem." Damit ist es Seehofer gelungen, eine Quasi-Merkel-Position in knackige bajuwarische Polit-Folklore zu übersetzen.