Die Bundestagswahl verspricht so langweilig zu werden wie die ebenfalls bevorstehende neue Bundesliga-Saison. Dass Angela Merkel erneut Kanzlerin wird und Bayern München wieder Meister, gilt als so gut wie sicher. Spannend ist in beiden Fällen allenfalls, wer hinter ihnen mit welchem Abstand Zweiter, Dritter, Vierter wird und welcher Verein, welche Partei es zurück oder zum ersten Mal in die höchste Spielklasse schafft.

Einen großen Unterschied gibt es allerdings: Im Fußball siegt die Bayern-Truppe allein. In der Politik und bei der Bundestagswahl ist das anders. Der letzte alleinige Wahlsieg der Union im Bund liegt 60 Jahre zurück: Am 15. September 1957 holte sie zum einzigen Mal die absolute Mehrheit. Seitdem musste sie sich immer einen Koalitionspartner suchen, um regieren zu können, ebenso wie die SPD in den Zeiten, als sie den Kanzler stellte.

Bis 1998 war das – mit Ausnahme der ersten großen Koalition von 1966 bis 1969 – stets die FDP. Seitdem aber hat sich die Parteienlandschaft breit aufgefächert. Die beiden ehemals großen Parteien sind kleiner geworden, die SPD ist gar zu einer mittleren Partei geschrumpft, die im Bund allenfalls mit zwei anderen, noch kleineren Parteien – und auch das nur unter sehr günstigen Umständen – eine Chance hat, nach 2005 wieder einen der ihren zum Kanzler zu machen. In diesem Jahr reicht es dafür, trotz Martin Schulz, höchstwahrscheinlich nicht, weil sie selbst zu schwach ist und bleibt.

Aber auch die Union hat – trotz Merkel – wohl keine realistische Aussicht, allein zu regieren. Vor vier Jahren schrammte sie nur deshalb knapp an der absoluten Mehrheit der Mandate – nicht der Stimmen – vorbei, weil FDP und AfD ganz knapp an der Fünfprozenthürde scheiterten. Am 24. September könnte es nach den aktuellen Umfragen selbst für Schwarz-Gelb eng werden. Abgesehen davon, dass ein solches Bündnis für beide Parteien nach den schrecklichen, für die FDP am Ende verheerenden, Erfahrungen von 2009 bis 2013 keineswegs ein Wunschtraum ist.

Deshalb kommt jetzt, zu Beginn der wärmeren, längst noch nicht heißen Wahlkampf-Endphase mal wieder die Zeit der echten oder eingebildeten Strategen. Wie zum Beispiel des neuen Ministerpräsidenten in Kiel, Daniel Günther. Der brauchte wegen des miserablen Wahlergebnisses seiner Nord-CDU gleich zwei Partner, nämlich Grüne und FDP, um seinen erfolglosen SPD-Vorgänger, dessen Namen die meisten schon vergessen haben dürften, abzulösen.

Günther empfiehlt sein Notbündnis im kleinsten Flächenland zwischen den Meeren, das von ihm und den anderen Beteiligten völlig zu Unrecht als bahnbrechendes Zukunftsmodell gepriesen wird, allen Ernstes als großes Vorbild für den Bund. Und das, obwohl es lediglich die Not im armen Norden ein wenig anders verwalten will. Allerdings, und ab hier wird es ernster: Es könnte nach dem 24. September tatsächlich so kommen, dass auch Merkel nichts anderes übrig bleibt, als FDP und Grüne zu Sondierungsgesprächen einzuladen, wenn sie die mittelgroße Koalition mit der SPD nicht zum Dauerzustand machen will. Das könnte nämlich ähnlich verheerende Folgen haben wie in Österreich, ein Ausfransen nach rechts und rechtsaußen, in Deutschland ein Wiedererstarken der AfD oder noch schlimmerer Kräfte. Auch in der SPD sagen viele: Es reicht, Schluss mit der GroKo.

Wer mag Lindner?

Eine Jamaikakoalition in Berlin würde allerdings wesentlich schwieriger als im vergleichsweise unbedeutenden Schleswig-Holstein oder im noch unbedeutenderen Saarland, wo es Schwarz-Grün-Gelb auch schon mal für drei Jahre gab. Im Bund geht es um gravierende nationale, europäische und internationale Fragen, nicht um den Weiterbau der A20 oder ein Vogelschutzgebiet. Und da liegen zwischen Union, FDP und Grünen zum Teil Welten. Von persönlichen Befindlichkeiten nicht zu reden.