Ein kleiner Andenkenladen am Kölner Dom. Vor dem Schaufenster hängen, neben allerlei Nippes, Tischsets mit Fotos der kriegszerstörten rheinischen Kapitale von 1945. Ich bin auf dem Weg zum Bahnhof. Ich stutze, bleibe stehen, gehe hinein, um nachzusehen, ob es in dem Geschäft noch mehr solcher "An-Denken" gibt.

Ich frage den Inhaber, ob er auch Bildbände mit Fotos von den Zerstörungen und dem Überleben in den Trümmern von damals hat. Er geht mit mir zu einer Vitrine, in der mehrere kleine, sehr gute Aufnahmen mit Trümmerbergen vor dem Dom stehen. Ich erwerbe eine und erkläre dem alten freundlichen Ladenbesitzer, der seinem Aussehen und seiner Kleidung nach ursprünglich nicht aus Deutschland stammt, weshalb ich das Foto kaufe: Weil mein Vater aus Köln kam und als Wehrmachtsoffizier und überzeugter Nazi im Zweiten Weltkrieg an vielen Fronten gekämpft hat. Er hat wie die meisten seiner Tätergeneration nie mit uns Nachkriegskindern über den Krieg gesprochen. Auch viele der überlebenden Shoa-Opfer haben das nicht getan, aus Scham, weil sie mit dem Leben davon gekommen waren.

Aber mein Vater hat immer wieder berichtet, wie er 1946 aus britischer Kriegsgefangenschaft in seine zerstörte Heimatstadt heimkam und vor den Trümmern stand – die auch die seines eigenen verführten jungen Lebens waren. "Ich konnte den Dom sehen", sagte er dann jedes Mal mit Tränen in den Augen. "Das ging vorher nicht, weil davor ja all die alten schönen Häuser standen." Die gab es nicht mehr. Kein einziges. Nur Schutt, Asche, Schuld und Menschen, die verzweifelt zwischen den Trümmern Nazideutschlands herumirrten.

Ich frage den Ladenbesitzer, als ich bezahle, wie lange er schon in Köln lebt. "Seit 20 Jahren", sagen er und seine Frau, die neben ihm steht und ein loses Kopftuch trägt. "Dann haben Sie die Trümmer ja nicht mehr gesehen", sage ich, "ich habe als Kind noch auf Trümmergrundstücken gespielt." "Doch", sagt er, "ich komme aus Afghanistan, ich war oft in Kabul und in Kandahar. Die sind genauso zerstört von dem Krieg, der seit Generationen in meiner Heimat tobt."

Er erzählt mir, dass er vor fast 30 Jahren mit seiner Frau und seinem damals dreijährigen Sohn vor den sowjetischen Invasionstruppen geflohen ist. Er beklagt, ohne Verbitterung in der Stimme, dass nicht nur Russen, sondern auch Amerikaner, Briten (zum zweiten Mal) "und auch Ihr Deutschen" in Afghanistan, seit er denken könne, Krieg führten, "neben Pakistanis, unserer eigenen Regierung, Osama bin Laden, den Taliban und vielleicht 1.000 schrecklichen Afghanen. Wenn es die alle nicht gäbe, dann wäre Afghanistan ein wunderschönes Land. Dann könnte ich dort mit meiner Familie leben."

Seine Frau, die bis dahin still zugehört hat, sagt, dass sie jede Nacht vom Krieg träume, aber auch von Frieden und Demokratie, "so wie hier bei Ihnen". Ihr Mann schweigt. Dann fängt er an zu weinen und berichtet mir, dass sein Sohn sich vor einem Jahr erhängt hat, mit 28 Jahren. "Er war ein guter Junge. Er hat studiert, er hätte alles werden können. Ich hätte ihm jeden Wunsch ermöglicht." Aber er habe nur den ganzen Tag und am Ende auch die Nächte vor dem Computer und an seinem Smartphone gehangen und verfolgt, was in Afghanistan jeden Tag passiert. "Das ließ ihn nicht los. All die Kämpfe, Anschläge und Toten. Er hat das nicht ertragen."