Was denn jetzt? Soll ich die Linke oder FDP wählen? Oder gar die AfD? Als ich in den Nachrichten gehört habe, dass Recep Tayyip Erdoğan seine Landsleute dazu aufgerufen hat, nicht CDU, SPD oder die Grünen zu wählen, habe ich es nicht glauben wollen. "Der hat sie doch nicht mehr alle", ging mir spontan durch den Kopf. Und das nicht nur, weil sich der türkische Staatspräsident wieder einmal in das Leben der Menschen in der Türkei einmischt, sondern uns auch meint vorschreiben zu können, wie wir nicht zu wählen haben.

Was in Erdoğans Kopf tatsächlich vorgeht, weiß natürlich auch ich nicht; ich mutmaße, wie viele andere, dass er entweder nur so daherredet oder es bewusst auf Provokation anlegt, um Stärke zu demonstrieren. Das kommt tatsächlich sehr gut an bei seinen Anhängern, denen man Minderwertigkeitskomplexe unterstellen kann. Sie schätzen und lieben ihren "Reis", gerade weil er keine verbale Zurückhaltung kennt, sich der EU und den EU-Staaten gegenüber nicht devot verhält, Merkel und Co – ihrer Wahrnehmung nach – ordentlich die Leviten liest.

Erdoğans Boykottaufruf wirft mehr Fragen auf, als sich daraus Sinnvolles ableiten lässt. Warum hat er nur die CDU, SPD und die Grünen als die Parteien genannt, die für Deutschtürken nicht wählbar sein sollen? Warum sind die Linke, FDP und AfD vom Boykottaufruf ausgeschlossen? Hat er diese Parteien bewusst ausgelassen? Ist Erdoğan allen Ernstes der Ansicht, die Deutschtürken sollten anstatt CDU, SPD und Grüne die Linke, AfD oder die FDP wählen? Oder meint er, die Deutschtürken sollten für die Allianz Deutscher Demokraten (ADD) stimmen, eine Partei, die Erdoğan-Anhänger vor einem Jahr gegründet haben?

Vier mögliche Deutungen

Erdoğans Appell ist gehaltlos! Hätte er Alternativen zu CDU, SPD und Grünen genannt, dann wäre sein Boykottaufruf eine politische Analyse eher wert. So aber lässt sein Statement nicht mehr als Spekulationen zu.

Variante eins: Erdoğans Worte sind mehr in Richtung Türkei als nach Deutschland gerichtet, sie sollen den Anschein erwecken, dass er mächtig ist und sogar Einfluss auf die Politik und Wahlen in Deutschland hat. 

Variante zwei: Er hat aus Unkenntnis der parteipolitischen Landschaft in Deutschland nur die drei Parteien genannt. Er weiß also gar nicht, welche der zur Wahl zugelassenen 42 Parteien politisch relevant sind.  

Variante drei: Erdoğan ist sich des Ausmaßes seiner Äußerungen nicht bewusst. Sonst würde er nicht indirekt dafür werben, für die Linke zu stimmen. Denn die ist ihm und seiner Politik gegenüber nicht sonderlich freundlich gesonnen und solidarisiert sich bisweilen mit der PKK, Erdoğans Erzfeinden.

Variante vier: Der indirekte Aufruf zur Stimmabgabe für die Linke und AfD ist kalkuliert – nach dem Motto: Hauptsache der Merkel und der Bundesregierung schaden.