Fast wie 2013 – Seite 1

"Neue Ideen" brauche die Zukunft. Und die könne nur einer durchsetzen, findet die SPD. Ihr Kanzlerkandidat Martin Schulz, natürlich. Der schaut mit treuen blauen Augen von einem der ersten Großplakate, die die Sozialdemokraten am Dienstag in Berlin vorgestellt haben und die bald im ganzen Land hängen sollen. Schulz lächelt leicht, nicht zu sehr. Zugewandt und durchsetzungsstark soll das wohl wirken.

Die Vorstellung der sozialdemokratischen Kampagne zeugt allerdings mehr von Selbstvergewisserung als von Siegesmut. "Es ist Zeit für Wahlkampf in Deutschland", sagt Generalsekretär Hubertus Heil, der vor roten Bannern mit der Aufschrift Zeit für mehr Gerechtigkeit steht und heute ein Headsetmikrofon trägt, damit er sich freier von einem Plakat zum nächsten bewegen kann. "Wahlkampf ist für eine Demokratie lebensnotwendig", schiebt er später hinterher. Wahlen, sagt Heil dann noch zweimal für die, die es noch nicht mitbekommen haben, würden ganz am Schluss entschieden.

Sieben Wochen vor der Bundestagswahl liegt die SPD in den Umfragen 14 Prozentpunkte hinter der Union. Sie ist dennoch fest entschlossen, sich ihre Laune nicht verderben zu lassen. Im Gegensatz zu den "läppischen Plakaten" der CDU, die selbstbewusst auf Deutschlandfarben setzt, sei die SPD konzeptionell und programmatisch ganz wunderbar aufgestellt, betont Heil.

Fünfmal Dauerbrenner

Neben dem Großplakat mit "Gottkanzler Schulz", wie sie ihn vor vielen Monaten einmal im Internet nannte, wirbt die SPD gemeinsam mit der Hamburger Werbeagentur KNSK zunächst auf fünf Großplakaten mit den Themen Familie, Rente, Lohngleichheit für Frauen, Innovation und Bildung.

Heraus sticht in der Genossengalerie lediglich ein träumerischer Hipster mit Lockenkopf, der neben einem Roboter sitzt und sich eine "Politik, die in Ideen investiert" wünscht. Schon klassisch sozialdemokratischer, aber für manche Männer vielleicht immer noch eine Provokation, ist die Facharbeiterin mit Schallschutzkopfhörern, die daran erinnert, dass es nicht sein kann, dass sie 21 Prozent weniger verdient als ihr Kollege.

Selbst das Pink ist weg

Durch und durch sozialdemokratisch sind dagegen das von den Hausaufgaben genervte Kind ("Bildung darf nichts kosten"), die lachende Seniorin (die sich eine gute Rente wünscht) und die frechen, süßen Geschwister, die für eine "laute" Familienpolitik schreien.

Wirklich konkrete Aussagen fehlen, ebenso kontroverse Themen wie Europa und Einwanderung, und das obwohl Kandidat Schulz doch derzeit so oft fordert, hier müsse sich die Politik ehrlich machen. Selbst die fröhlich schreienden Kinder auf dem Wahlplakat waren der SPD schon fast zu viel, verrät Generalsekretär Heil: "Ich habe mich gefragt, können wir das den Menschen zumuten? So stressig laute Kinder?" Es ist wohl scherzhaft gemeint.

In Farbe und Stil unterscheiden sich die Plakate kaum vom Wahlkampf 2013, als es noch hieß: "Wir für mehr Kitaplätze", "Wir für gesetzlichen Mindestlohn", "Wir für bezahlbare Mieten" sowie "Wir für ein Alter ohne Armut". Damals war dem SPD-Rot noch ein Hauch Pink untergemischt, das nun wieder dem klassischen Auftritt gewichen ist.

"Wir bebildern das nicht mit traurigen Menschen."

Natürlich, könnte man einwenden, Wahlkampf ist auch dazu da, den Wiedererkennungswert zu steigern, sprich die eigenen Forderungen so lange zu unterstreichen, sie so oft zu wiederholen, bis sie in den Köpfen der Menschen verankert sind. Doch klar ist: Bisher hat die CDU mit ihren Deutschlandfarben den deutlich streitbareren Auftritt hingelegt. Streitbar, aber einprägsam sind in diesem Wahlkampf auch die Augenringe von FDP-Chef Christian Lindner. Und die Erinnerung an den Berliner Bürgermeister Michael Müller, der als Kandidat im Berliner Wahlkampf 2016 auf einem Plakat selbstbewusst einer Frau mit Kopftuch zulächelte.

Generalsekretär Heil lässt Kritik, seine Partei setze in der ersten Plakatphase nur auf "Wohlfühlthemen", nicht gelten. Die SPD kümmere sich eben um Fragen, die mit dem Lebensalltag der Bürger zu tun haben: "Aber wir bebildern das nicht mit traurigen Menschen."

Es ist das gleiche Dilemma wie noch 2013: Die SPD will den Wählern klarmachen, dass sich Deutschland ändern muss, aber sie will dabei tunlichst vermeiden, zu negativ und alarmistisch aufzutreten. Das gefällt den gemütlichen Deutschen nicht, vor allem nicht in der Sommerferienzeit. "Wir machen keinen Wahlkampf, der die Stimmung verdüstert", betont Heil.

Wahlkampftour in kleinen Städten

Nun ist dies erst der Anfang: Noch zwei weitere Plakatwellen wird die SPD bis zum 24. September präsentieren, ob sich die Botschaften bis dahin noch zuspitzen, bleibt abzuwarten. Interessanter dürfte wohl das direkte Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Martin Schulz werden. In gut drei Wochen beginnen beide mit ihrer Wahlkampftour durch Deutschland, sie könnten sich dann auch inhaltlich einen Schlagabtausch liefern.

Schulz startet am 21. August, 30 Tage lang wird er in mittelgroßen Regionalzentren wie Trier, Emden und Bamberg unterwegs sein und pro Tag zwei Orte besuchen und zwei Reden halten. Angela Merkel beginnt ihre Wahlkampftour schon am 12. August in Dortmund. Auch sie wird beinahe jeden Tag auftreten und meist zwei Städte an einem Tag besuchen.

Beide werden dann natürlich versuchen, Akzente zu setzen. Im direkten Schlagabtausch wird man die beiden nur beim TV-Duell am 3. September beobachten können. Auch darauf setzen die Genossen große Hoffnungen: Alle Wahlen der vergangenen Monate, sagte Heil am Dienstag noch, hätten gezeigt, dass "diejenigen, die genau wussten, wie Wahlen ausgehen, sich am Ende korrigieren mussten".