ZEIT ONLINE: Sie wurden damals für ihren Vorstoß scharf kritisiert von der SPD, auch Pistorius bekommt aktuell nur wenig Unterstützung. Dabei ist er doch der Wahlkampfberater für Innere Sicherheit für Martin Schulz.

Oppermann: Pistorius sucht, wie wir alle in der SPD, nach Lösungen für dieses menschliche Drama. Man muss diese Themen ehrlich diskutieren. Wenn wir mehr Menschen retten wollen, dürfen wir nicht erst auf dem Mittelmeer damit beginnen. Wir sollten an die komplexe Flüchtlingsfrage mit einem humanitären verantwortungsethischen Ansatz rangehen. Und in Deutschland und der EU müssen wir immer darauf achten, dass unsere Flüchtlingspolitik von den Menschen mitgetragen wird. Sonst wird die Stimmung feindlich, das stärkt Populisten und hilft den Flüchtlingen am allerwenigsten.

ZEIT ONLINE: Der mutmaßlich islamistische Angriff von Hamburg, die islamistischen Anschläge von Ansbach, Würzburg, Berlin, allesamt begangen von Flüchtlingen – sind das neue Realitäten, mit denen wir leben müssen, weil wir ein liberaler Rechtsstaat sind? Zum Beispiel, weil Deutschland die späteren Täter wegen fehlender Papiere nicht abschieben konnte.

Oppermann: Damit dürfen wir uns nicht abfinden. Herr Amri hätte abgeschoben werden können. Und der Hamburger Attentäter ebenso. Da sind eindeutig Fehler gemacht worden. Im Fall Hamburg hat das Bundesamt für Migration eine Frist verschlafen, dafür hat ein Mensch mit seinem Leben bezahlt.

ZEIT ONLINE: Das Bundesamt sagt, dass dies 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise war. Man habe die Frist nur um einen Tag überzogen.

Oppermann: Wenn sich jetzt der politisch zuständige Innenminister Thomas de Maizière damit rechtfertigt, dass das auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise passiert ist, dann muss er jetzt aber dafür sorgen, dass das Bamf solche lebensgefährlichen Fehler nicht mehr macht. Stattdessen ist das Bamf weiterhin in schlechtem Zustand, die Bamf-Chefin klagt öffentlich über fehlendes Personal, das de Maizière weiter abbauen will.

ZEIT ONLINE: Wenn nicht mit der Union, würden Sie dann im Spätherbst lieber mit Christian Lindner oder mit Sahra Wagenknecht am Kabinettstisch sitzen?

Oppermann: Das sind für mich beide politische Konkurrenten. Ich kämpfe für eine starke SPD. Wir machen keinen Koalitionswahlkampf. 

ZEIT ONLINE: Das betont die SPD oft. Daher haben wir uns auch gewundert, dass der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel jetzt gesagt hat, wegen des "nationalkonservativen Teils" der Union werde sich die große Koalition "trennen".

Oppermann: Wir sind in der großen Koalition zuletzt immer häufiger an die ideologischen Grenzen der Union gekommen. Die haben eine Menge blockiert, was für mehr Gerechtigkeit gesorgt hätte, was zu mehr Investitionen geführt hätte oder was einfach gut für die Zukunftsfähigkeit des Landes gewesen wäre. Deswegen ist es gut, wenn die große Koalition keine Dauereinrichtung wird und die Union sich in der Opposition inhaltlich regeneriert.

ZEIT ONLINE: Aber die SPD schließt damit eine erneute große Koalition nicht aus, oder?

Oppermann: Wie gesagt, wir führen keinen Koalitionswahlkampf und schließen nichts aus. Nach der Wahl können wir mit allen Parteien reden, außer der AfD.

ZEIT ONLINE: Die Autobauer haben auf dem Dieselgipfel in Berlin nur eine Minimal-Lösung versprochen. Wie lange will sich die Politik noch von den Konzernen auf der Nase rumtanzen lassen?

Oppermann: Wenn die Konzerne glauben, der Politik ein Schnippchen geschlagen zu haben, sollten sie sich nicht zu sicher fühlen. Wenn sie keine handfesten Angebote zum Umsteigen von alten Dieselfahrzeugen machen, können wir die Daumenschrauben ganz schnell anziehen. Aber klar ist auch: Die Runde von gestern kann nur ein erster Zwischenschritt sein. Weitere werden folgen.

ZEIT ONLINE: Ihr Parteifreund Stephan Weil, SPD-Ministerpräsident im Autoland Niedersachsen, will steuerliche Kaufanreize für neue Diesel. Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will das nicht. Was ist also der Plan der SPD?

Oppermann: Der Steuerzahler darf nicht für die Defizite von Automobilunternehmen in die Pflicht genommen werden. Wer in der Politik solche Fehler macht wie die Auto-Bosse, der verliert in der Regel seinen Job. Ich finde, dass jetzt die Automanager, nicht nur von VW, ein Signal der Demut setzen sollten und in den nächsten zwei Jahren auf ihre Boni verzichten. Damit könnten sie übrigens einen Teil der Dieselnachrüstungen bezahlen.