Natürlich, viele Parteimitglieder und potenzielle Wähler teilen diese Positionen der Spitzenkandidaten nicht. Sie werden die AfD aus anderen Gründen wählen: Sie sind enttäuscht von einer Bundesregierung, die den Wohlstand im Land unzureichend verteilt. Sie sind verunsichert von einer liberalen Gesellschaft, die immer älter und konservativer wird und die sich gleichzeitig in zunehmender Geschwindigkeit infrage stellt und tatsächlich eine Neuerfindung diskutiert – oft ohne diese Veränderungen auch jenseits der Großstädte zu diskutieren.

Und um es deutlich zu sagen: Es ist vollkommen legitim, die Politik Angela Merkels vom Sommer 2015 falsch zu finden. Die Forderung nach staatlicher Hoheit und Ordnung in der europäischen Flüchtlingspolitik ist keine rechtsradikale Position. Die Unzufriedenheit über die spärlichen und oft bürokratischen Investitionen in Schulen, Brücken und andere Infrastruktur und die gleichzeitig schnelle Hilfe in der Flüchtlingsfrage ist berechtigt. Aber um keine dieser Fragen geht es am 24. September – selbst die Bundeskanzlerin vertritt nicht mehr die Politik, die die AfD zu bekämpfen vorgibt.

Halten Glück und Demut der Deutschen?

Längst geht es in Deutschland um die offene Gesellschaft, um den Rechtsstaat, um das Grundgesetz und darum, ob Deutschland auch in Zukunft Lehren aus seiner Geschichte ziehen wird – bittere, aber wichtige Lehren.

"Wir lernen aus unserer eigenen Geschichte, wozu der Mensch fähig ist", sagte Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede als Bundespräsident zum 8. Mai 1945. "Deshalb dürfen wir uns nicht einbilden, wir seien nun als Menschen anders und besser geworden." Es lohnt sich in diesen Tagen vor der Bundestagswahl, diese Rede noch einmal zu hören, zu lesen oder anzusehen.

"Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass, gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß", sagte von Weizsäcker damals. Es klingt, als hätte er schon damals geahnt, dass das Glück und die Demut der Deutschen nicht für immer halten würden.