"Zwei-Wagen-Lösung" – was Jens Maier sagt, klingt nach Nahostkonflikt. Doch der Dresdner AfD-Bundestagskandidat spricht von Pegida und seiner Partei, die gemeinsam Montagsdemos veranstalten, obwohl die AfD Pegida-Rednern auf ihren Bühnen Auftrittsverbot erteilt hat. Maier ist das eigentlich egal, doch sicherheitshalber stellt jede Gruppe vor der Frauenkirche einfach einen eigenen Planwagen auf, Stoßstange an Stoßstange. Wenn der AfD-Kreisverband seine Kundgebung beendet hat, macht Pegida nahtlos weiter – zwei getrennte Veranstaltungen, vor demselben Publikum. Die Ostdeutschen waren schon immer erfinderisch.

Aus Hunderten Kehlen dringen dann "Merkel muss weg"-Rufe und "Höcke, Höcke". Völkische Identitäre mischen sich mit ihren gelben Lambda-Fahnen unter die Islamfeinde. Das wird auch am kommenden Montag wieder so sein. Maier wird sprechen, sein Facebook-Freund Siegfried Daebritz von Pegida und Pegida-Gründer Lutz Bachmann werden dabei sein. Frauke Petry, die Parteichefin, sächsische Fraktionschefin, Maiers Erzfeindin, die wie er für den Bundestag kandidiert, wird wieder sauer sein. Da ist die Zwei-Wagen-Lösung wichtig. "Ich will nicht schon wieder ein Verfahren bekommen", sagt Maier. Eines hat er schon am Hals: Petry will ihn aus der Partei werfen, die Entscheidung steht aus. 

Deshalb ist zunächst der Wahlkampf dran. Die sächsische AfD hat Maier bei einer turbulenten Wahlversammlung auf Platz zwei der Kandidatenliste gewählt – direkt hinter Spitzenkandidatin Petry, und gegen Petrys Willen. An einer betongepflasterten Straßenecke im Dresdner Südosten haben Maiers Helfer einen blauen AfD-Schirm aufgespannt, auf einem Infotisch liegen die Junge Freiheit, blaue Bierdeckel, Jutetaschen mit Maiers Schwarzweiß-Konterfei und dem Slogan "Haltung zeigen". Die Idee hat Maier von Björn Höcke, auf Höckes Jutebeuteln steht "Geht aufrecht". Maier verehrt Höcke, den Thüringer AfD-Nationalisten, gegen den auch ein Parteiausschlussverfahren läuft, weil er zweideutig vom "Denkmal der Schande" sprach und damit das Holocaust-Mahnmal meinte, von "dämlicher Bewältigungspolitik" und eine "erinnerungspolitische Wende" forderte.

"Der Mann ist meine Hoffnung", will Maier der Kassiererin seines Dresdner Lebensmittelmarktes gesagt haben, als die ihn auf den Höcke-Beutel ansprach, in den Maier seinen Einkauf räumte. Im Januar rief er das an der Seite Höckes in den vollen Saal des Dresdner Ballhaus Watzke in einer viel diskutierten, zündlerischen Rede vor dem Parteinachwuchs, seit der die Nationalisten der AfD leichtes Spiel haben. Die Parteijugend jubelte, als Maier dort die "Propaganda und Umerziehung" anprangerte, "die uns einreden wollte, dass Auschwitz praktisch die Folge der deutschen Geschichte wäre". Er erklärte "diesen Schuldkult" nach der NS-Zeit "für endgültig beendet". Er pries die NPD als "einzige Partei, die immer entschlossen zu Deutschland gestanden hat", aber jetzt nicht mehr zukunftsfähig sei. "Nun sind wir da. Wir sind die neue Rechte."

Wo ist die Grenze zur NPD?

Die AfD in einer Linie mit der NPD, als politischer Nachfolger, als Wahl-Alternative? Die Bundesführung der Partei grenzt sich von der NPD offiziell deutlich ab. Maier wird gewusst haben, mit welchen Konsequenzen er rechnen musste. Der 54-jährige Bremer hat Jura studiert, er urteilt als Richter am Landgericht Dresden. Er kennt sich aus mit Parteien, er war bis Ende der Achtzigerjahre in der SPD.

Wie Maier zur NPD steht, hatte sich schon viel früher gezeigt: Zu seine Facebook-Freunden gehörte Ende 2016 noch NPD-Chef Frank Franz. Der verklagte den Dresdner Politologen Steffen Kailitz, weil der zu dem Schluss gekommen war, die Partei plane "rassistisch motivierte Staatsverbrechen", sie wolle Millionen Menschen "aus Deutschland vertreiben, darunter mehrere Millionen deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund". Kailitz hatte diese These auch als Sachverständiger im NPD-Verbotsverfahren vertreten. Maier jedoch verbot Kailitz vor dem Landgericht seine Äußerung per Eilentscheidung – ein klarer Verstoß gegen die Freiheit der Wissenschaft.

Doch die übrige Justiz funktionierte. Nach seiner Rede im Ballhaus Watzke ermittelte die Staatsanwaltschaft vorübergehend gegen Maier wegen des Verdachts der Volksverhetzung, das Landgericht erteilte ihm einen Verweis, weil er das richterliche Mäßigungsgebot missachtet habe und entzog seiner Kammer die Zuständigkeit für Streitfälle gegen Medien und wegen Ehrverletzung. Ein Kollege Maiers führte das Gerichtsverfahren gegen Kailitz zu Ende – der Politologe bekam Recht.

"Verharmlosung politischen Extremismus'"

Seitdem kann Maier unbelastet und frei von dienstlichen Fesseln sein Ziel verfolgen, endlich auch in Petrys Hoheitsbereich der nationalistischen Strömung der AfD Einfluss zu verschaffen. Die Partei zu einer Bewegung machen, anschlussfähig für Pegida und Co.: "Wenn wir uns von den Bewegungen verabschieden, dann müssten wir in Koalitionen Kompromisse eingehen", sagt Maier. Seine Widersacherin Petry wollte genau das, er hält es für Unsinn. Maier ist jetzt die Identifikationsfigur aller Radikaloppositionellen, der sächsische Höcke, der sächsische Gauland. Und Petry hat den Raum dafür freigemacht, indem sie sich selbst marginalisierte: Kurz vor dem Parteitag im April erklärte die Bundeschefin per Videobotschaft ihren Verzicht auf die Spitzenkandidatur.

Am Abend desselben Tages im April fuhr Maier in einen Landgasthof bei Pirna in der Sächsischen Schweiz, das neurechte Magazin Compact hatte eingeladen, auf dem Podium sollte es um Merkel und die Terroropfer von Berlin gehen. Maier sprach von Petry wie von einem Schädling, ohne ihren Namen zu nennen. Heute sei "ein guter Tag für uns", sagte er, die Chancen auf den Einzug in den Bundestag "haben sich ja mit dem heutigen Tag verbessert". Dann erzählte er von seiner Verehrung des Bloggers Fjordman, zitierte aus dessen Buch Europa verteidigen, fast nahtlos kam er auf Anders Behring Breivik zu sprechen, den norwegischen Rechtsterroristen, der 2011 auf der Insel Utøya 67 Menschen getötet hatte. Breivik sei aus Verzweiflung über "Kulturfremde" im Land zum Massenmörder geworden, sagte Maier. Ein Videostream trug es ins Internet. Breivik – ein Opfer der herrschenden Umstände? Das war sogar Maiers Podiumsnachbarn Martin Lichtmesz zu viel. Der neurechte Publizist entgegnete, er würde das so nicht sagen, Breivik sei doch auch ein Psychopath gewesen. Der Stream wurde kurz nach der Veranstaltung gelöscht.

Petry reichte es da. Sie ließ alle Indizien zusammentragen und reichte einen Antrag auf Parteiausschluss Maiers beim AfD-Landesschiedsgericht ein, wegen "Verharmlosung politischen Extremismus'". Maier ist seitdem öffentlich kleinlaut.