Als ich mich vor Jahren zum Eintritt in die AfD entschied, geschah dies aus rein politischen Gründen. Ich glaubte, dass die AfD wirksame Strategien zur Lösung der Euro-Krise finden könnte. Dass meine sexuelle Orientierung bei diesem politischen Engagement eine Rolle spielen könnte, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Im Verlauf einer Vorstellungsrunde im Kreisverband Recklinghausen erwähnte ich seinerzeit, dass ich homosexuell bin. Und was folgte darauf? Nichts. Keine Häme, kein böses Wort und keine homophoben Äußerungen. Ich wurde ermutigt, mich aktiv in die Partei einzubringen und mir wurde versichert, wie sehr man sich über meinen Entschluss, mir ein eigenes Bild über die Arbeit in der AfD zu machen, freue. Ich hatte den Eindruck, dass die sexuelle Orientierung für die Arbeit in der AfD keine Rolle spielt. Dies änderte sich in meiner aktiven Zeit in der Partei nicht.

Ganz anders sah es außerhalb der Partei aus. In meinem Bekanntenkreis wurde ich häufig angegriffen und man gab mir klar zu verstehen, dass man kein Verständnis dafür aufbringen könne, warum ich ausgerechnet in die AfD eingetreten war. Auch Freunde, die in der AfD eingetreten waren – ebenfalls homosexuell – sahen sich gleichartigen Vorwürfen ausgesetzt.

André Yorulmaz ist selbstständiger Finanzberater in Recklinghausen, wo er auch den AfD-Kreisverband führte. Auf Initiative von Parteimitgründer Bernd Lucke ließ er sich 2015 zum Generalsekretär der AfD nominieren. Wegen der Abwahl Luckes auf dem Essener Parteitag 2015 kam er nie ins Amt. Mit vielen weiteren Lucke-Anhängern trat er aus der AfD aus und gründete die Partei Alfa, trat wenig später aber wieder aus, weil die Partei sich ihm zu sehr an der politischen Mitte orientierte. © privat

Die Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl, Alice Weidel, lebt mit einer Frau zusammen.Das Paar zieht zwei Kinder auf. Immer wieder wird auch sie gefragt: Passt ein homosexueller Mensch in das Selbstverständnis einer konservativen Partei?

Die Gegenfrage muss doch lauten: Warum nicht? SPD, Grüne und die Linken vermarkten sich zwar als Kämpfer für Homosexuelle und sie deklarieren die Themen der Gleichberechtigung, beispielsweise bei der Diskussion um die Ehe für Alle, als eigenes Wahlkampffeld. Seit Jahrzehnten gehen diese Parteien so auf Stimmenfang in der LGBT-Community. Doch insbesondere die Sozialdemokraten revidierten nach den Wahlen und in anstehenden Koalitionsverhandlungen überraschend schnell ihre Versprechungen zu Gunsten anderer Themen. Die Schuld dafür konnten sie ohne Mühe dem Koalitionspartner zuschreiben.

Umso erstaunlicher war es, als ausgerechnet Angela Merkel eine Abstimmung über die Ehe für Alle in der eigenen Partei ermöglichte und den anderen Parteien ein wichtiges Wahlkampfthema nahm, das sich dieses Mal sogar die FDP zu eigen machen wollte. Ausgerechnet das konservative Parteibündnis aus CDU/CSU ebnete Homosexuellen den Weg zu einer gleichberechtigten Ehe.

Bundestagswahlkampf - Das AfD-Programm in einer Minute Was will die AfD? Mark Schieritz, Korrespondent im Hauptstadtbüro der ZEIT, erklärt, wie sich die Partei positioniert. © Foto: Jan Lüthje

Auf die Sexualität beschränkt

Schade und oft sogar ärgerlich ist für mich, dass homosexuelle Menschen in der Politik zumeist auf ihre Sexualität beschränkt werden. Wenn ein homosexueller Mensch es trotzdem wagt, sich von dem Thema der Sexualität zu lösen und von seinem Recht Gebrauch macht, ein politisches Wesen zu  sein, zu dem nun einmal auch das gesamte Spektrum konservativer Ansichten gehört, können ihm erhebliche gesellschaftliche Konsequenzen drohen. Wer als Homosexueller die von der Politik  für ihn als zulässig erachteten Betätigungsbereiche verlässt, regt andere Homosexuelle zum Nachdenken an und ermutigt sie möglicherweise, seinem Beispiel zu folgen. Er wird so zu einer Bedrohung für das oben beschriebene, für ihn vorgegebene Spektrum politischen Handelns. Viele Parteien würden es  begrüßen, wenn sich eine Frau wie Alice Weidel, statt sich für die AfD stark zu machen, gar nicht in der Politik engagierte.