Die letzten Tage vor einer Bundestagswahl füllen die Parteien meist mit machtvollen Demonstrationen von Personal und Programm. Sie lassen auf zentralen Plätzen gewaltige Bühnen errichten baden im Applaus – es geht ums Gesehenwerden, um Fotos und Fernsehbilder. Die Spitzenkandidaten reden, die Parteichefs auch, die Führungsriegen winken. Das Publikum schwingt Fähnchen.

In Görlitz wird ein Wahlkampfplatz am Samstag aber leer bleiben. Das Zelt im Stadtzentrum wird aufgestellt, Musik und Catering sind organisiert, doch die Hauptperson fehlt: Frauke Petry. Die Co-Chefin der AfD wird nicht kommen, wie ihr Büro bestätigt. 

Offiziell wird kein Grund genannt. Ein möglicher ist der Auftritt von Petrys innerparteilichem Widersacher und Co-Chef Jörg Meuthen diese Woche in einem Ort 50 Kilometer von Görlitz. Dabei ist Sachsen Petrys politische Heimat. Sie bewirbt sich um ein Direktmandat und ist auch Landesschefin ihrer Partei. Der baden-württembergische Fraktionschef Meuthen hat eigentlich keine Interessen hier – er kandidiert nicht für den Bundestag – außer vielleicht: eine Machtdemonstration gegen Petry in ihrem Stammland.

Im sächsischen Wahlkampf der AfD-Bundeschefin funktionierte vieles nicht wie von ihrem Stab geplant: Termine in Petrys Direktwahlkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge entfielen, weil sie nicht ausreichend vorbereitet waren. Petry ist dort hoch umstritten, auf einem Parteitag versuchten Teile der Basis im Sommer, sie als Kandidatin abzuwählen.   

Veranstaltungen mit Petrys innerparteilichen Gegnern finden hingegen statt. So traten Hans-Thomas Tillschneider von der AfD-nahen Patriotischen Plattform oder Sachsen-Anhalts Landeschef André Poggenburg auf. Auch Jürgen Elsässer ist dort angekündigt, Chef des neurechten Compact-Magazins, und der Pegida-Mitorganisator Siegfried Daebritz – entgegen aller Bestrebungen der AfD-Gremien, sich durch Beschlüsse von Pegida abzugrenzen. Ein Affront des AfD-Kreisverbandes gegen die eigene Spitzen- und Direktkandidatin.  

Schon im August durfte Petry nicht in das Kleinkunsttheater Q24 in Pirna – die Bühne hatte plötzlich Bedenken. Der Termin sollte am Donnerstag vor der Wahl in der Sporthalle Pirna-Sonnenstein in Form eines Unternehmerforums nachgeholt werden. Die Podiumsgäste: Petry und die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin und Merkel-Kritikerin Vera Lengsfeld, CDU. Doch in letzter Minute untersagte die Stadtverwaltung als Eigentümerin das Event – die Halle sei nur für "sportliche Zwecke" geeignet, lautete die Begründung der "Nachnutzungsuntersagung". Die Verwaltung habe "durch Pressemitteilungen und im Stadtgebiet verteilte Flyer" erfahren, dass "eine öffentliche Veranstaltung" geplant war. Da hierbei mit "höherem Besucheraufkommen" zu rechnen sei, sei eine Genehmigung erforderlich. Die sei nicht beantragt worden. 

Petrys Stab recherchierte nach und stieß auf mehrere öffentliche Veranstaltungen, die in der nur für "sportliche Zwecke" geeigneten Halle 2013 und 2014 stattfanden: eine Kandidatenvorstellung für die Kommunalwahl, eine vom CDU-Landrat moderierte Diskussionsrunde zum Thema bezahlbarer Strom und eine CDU-Mitgliederversammlung. "Dass die CDU sich gegen eine Verfügung erwehren musste, ist mir nicht in Erinnerung", sagt der Mitorganisator des Forums, Tim Lochner, Ex-Oberbürgermeister-Kandidat.  

Die Sicherheitsbedenken könnten also erst danach aufgekommen sein. Oder die Veranstalter von damals hatten sich rechtzeitig um die Zusatzgenehmigung gekümmert. Politische Gründe gebe es nicht für die Absage an das Unternehmerforum, sagt ein Stadtsprecher.

Dabei sieht es danach aus, als ob Petry ihren Besuch bei den Unternehmern hätte später sogar bereuen können: Denn der Organisatorenkreis ist mit neurechten Kreisen vernetzt. Die Einladenden haben "rein zufällige personelle Überschneidungen" mit der Gruppe Pro Patria Pirna (PPP), wie Mitveranstalter Lochner bestätigt. Den Kern von PPP bilden acht mittelständische Unternehmer, die sich mit Flugblättern und Plakaten für "Heimat und Kultur" einsetzen. Lochner sagt, er habe bei PPP schon als Ordner fungiert. Das wäre kein großes Problem. Doch es gibt eine Verbindung von PPP zum 2016 gegründeten Netzwerk einprozent. Zu dessen Gründern gehören neurechte Strategen wie Götz Kubitschek, einem Freund vieler parteiinterner Gegner Petrys. Eine Selbstdarstellung von PPP findet sich auf der Website von einprozent. Und wer Kontakt zu dem Unternehmerkreis suche, solle an aktiv@einprozent.de schreiben, heißt es dort. Lochner sagt, er wisse erst seit dieser Woche davon. Und ein weiterer Organisator des Unternehmerforums, der Elektrotechnik-Unternehmer Daniel Heimann, zeigte sich öffentlich mit Kubitschek

Zu erleben war Petry in ihrem Wahlkreis damit nur dreimal: In der Pirnaer Kleinkunstbühne, als die Sächsische Zeitung Vertreter verschiedener Parteien zum öffentlichen Gespräch geladen hatte. Und bei einem Forum des Gaststättenverbandes Dehoga. Auf Initiative der AfD kam eine einzige Veranstaltung zustande: Anfang August in Sebnitz.

Trotz ihres schwachen innerparteilichen Rückhalts wird Petry in den Bundestag kommen. Sie kandidiert auf Platz eins der sächsischen Landesliste. Dass sie eine wichtige Funktion in der Fraktion ausübt, ist derzeit jedoch  unwahrscheinlich. Eine Option wäre, dass die Abgeordneten sie als Bundestags-Vizepräsidentin vorschlagen.