Berlin-Lichtenberg am Sonntagmorgen um kurz nach zehn. Plattenbauten mit acht, zehn Stockwerken bilden ein Labyrinth aus Nebenstraßen und grünen Innenhöfen. Die Wohnblocks sind weiß und lila oder rot gestrichen, an Balkonen hängen pinke Blumenkästen, in Fenstern Gardinen aus Spitze, irgendwo schnurrt ein Staubsauger, ansonsten ist es still. Hier mag nicht das Elend zu Hause sein, aber auch keine großen Möglichkeiten.

Neben der Tür des Nachbarschaftstreffs hängt eine Einladung zum Putzen: "Wir räumen auf im Kiez, um auf den Wahlsonntag gut vorbereitet zu sein." Heute hat Die Linke in den Treff eingeladen: Frühschoppen mit der Bundestagskandidatin Gesine Lötzsch, Thema: Rente. Um elf Uhr soll es losgehen, um halb elf sind eigentlich alle da, etwa 50 Männer und Frauen im Rentenalter. Um 10.47 Uhr greift Lötzsch zum Mikrofon: Bis es losgeht, nehme man sich doch belegte Brötchen vom Büffet, "natürlich kostenlos". Alle greifen zu.

Lötzschs Büroleiter Klaus Singer wird später erklären, dass die Partei solche Veranstaltungen im Wahlkampf eigentlich nicht mehr vorsieht: "Wir machen eher outdoor. In-house kommen ohnehin nur die eigenen Leute." Der Vortrag heute war eher ein Wunsch des Ortsverbands.

Aber vielleicht kann man sich mit den eigenen Leuten auch nicht mehr ganz sicher sein.

Auf einem Stadtplan von Berlin findet man den Bezirk Lichtenberg rechts oben, knubbelig und langgezogen wie eine Spreewaldgurke zwischen dem Bahnhof Ostkreuz und Marzahn. Politisch aber steht Lichtenberg bislang links außen. Bei der letzten Bundestagswahl, 2013, holte die Linke hier 34 Prozent und ein Direktmandat. Berlin-Lichtenberg war der linkeste Wahlkreis Deutschlands.

2013. Als die AfD noch kein halbes Jahr alt war.

2016, bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus, holte die AfD in Lichtenberg dann aus dem Stand 19,2 Prozent. In der Bezirksversammlung ist sie seitdem drittstärkste Kraft.

Lichtenberg ist weder provinziell noch stockkonservativ, kein Rand der Gesellschaft, wo alles Rechte gern verortet wird. 280.000 Menschen leben im Bezirk, in dem es die Plattenbauten gibt, aber auch große Einfamilienhaussiedlungen, innenstadtnahe Eigentumswohnungen und ein Altbauviertel, das langsam fast hip wird. Lichtenberg ist ein Bollwerk der unteren Mittelschicht, Mehrheitsgesellschaft, dazu ehemals DDR. Wer sich angesichts von Zustimmungswerten von um die zehn Prozent für die AfD kurz vor der Bundestagswahl fragt, was das linke Lager den Rechten entgegenzusetzen hat, sollte hier fündig werden.