Bundeskanzlerin und CDU-Spitzenkandidatin Angela Merkel hat sich in der ZDF-Sendung Klartext, Frau Merkel mit Bürgern gegen scharfe Angriffe auf ihre Migrations- und Sozialpolitik zur Wehr gesetzt. Vor allem beim Thema Altersarmut erntete sie viel Kritik. "Das ist ein Witz, was sie da erzählen", sagte eine Zuschauerin, nachdem Merkel das Konzept der Riester-Rente gegenüber einer Krankenhaus-Reinigungskraft verteidigte. Diese hatte zuvor gesagt, einen Riester-Vertrag zur Aufstockung ihrer Rente würde sie niemals abschließen: "Da ist nur Riester von reich geworden."

Die Zuschauerin wollte von Merkel wissen, warum in Deutschland nicht sichergestellt werden könne, dass es keine Altersarmut gebe. Die Bundeskanzlerin verwies darauf, dass es eher darum gehen müsse, Reinigungskräfte besser zu bezahlen. "Ihre Biografie ist schwierig, das sehe ich ja ein", sagte Merkel an die Fragestellerin gerichtet. Es sei aber nicht so, "dass alle Rentner in Deutschland nun ein ganz schlechtes Leben haben".

Sie könne keine Änderung des Rentensystems versprechen, sagte die Bundeskanzlerin, auch einer grundlegenden Neuordnung des Rentensystems hatte Merkel eine Absage erteilt. Die Frau hatte auch geschildert, dass sie nach über 40 Jahren demnächst mit einer Rente von 654 Euro aus dem Arbeitsleben gehen werde, von denen aber noch nicht einmal die Krankenkasse bezahlt sei. Es könne nicht sein, dass einige Bundesbürger "nach 40 Jahren Arbeiten am Bahnhof rumstreichen müssen, um Flaschen und Dosen zu sammeln", sagte die Frau. 

Gegen Tabus und Generalisierungen

Scharf wandte sich Merkel auch gegen Tabus und Generalisierungen in der Diskussion über Kriminalität von Migranten und Flüchtlingen: "Wir sollten nicht alle unter einen Generalverdacht stellen." Eine Bürgerin hatte davon gesprochen, dass es nach dem Zuzug von Flüchtlingen und Migranten viele alleinstehende Männer mit rückständigem Frauenbild im Land gebe. Und damit auch eine dramatisch gestiegene Zahl von Vergewaltigungen durch Zuwanderer, so die Wahrnehmung der Frau. Es gebe zwar schlimme Einzelfälle und Straftäter müssten das Land verlassen: "Aber das, was Sie jetzt hier als das große demografische Problem herausstellen, das sehe ich nicht", sagte Angela Merkel.

"Wenn Sie den Eindruck haben, dann ist das ganz schlecht", bescheinigt die Kanzlerin einer Schuldirektorin, die sagte, man werde sofort ins rechte Lager gestellt, wenn man etwa Migrationsprobleme anspreche. Es dürfe, wenn es um Kriminalität gehe, keine Tabuthemen geben, sagte Merkel. Ein afghanischer Flüchtling beklagte, er und seine Landsleute würden kaum mehr als Asylbewerber anerkannt. Er sei vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) abgelehnt worden, obwohl er als Journalist in seinem Land verfolgt werde. 

"Warum bekommen alle Afghanen eine Ablehnung. Diese Unsicherheit macht uns richtig fertig", sagte der Mann, er wisse nicht, wohin er gehen soll. Merkel sagte, 50 Prozent der afghanischen Asylbewerber würden akzeptiert. Man könne nicht jedem das Zeichen geben, dass einzig nach Deutschland zu kommen reiche, um angenommen zu werden, so die Kanzlerin: "Wir müssen das schon abwägen." Sie verwies aber auch darauf, dass derzeit nur verurteilte Straftäter nach Afghanistan abgeschoben würden.

Rassismus sei weiterhin alltäglich

Ein junger Deutschtürke aus Berlin wollte von Merkel wissen, warum sie nicht mehr gegen alltäglichen Rassismus in Deutschland tue. "Ich habe so viele Diskriminierungen in meinem Leben erfahren", sagte er. Statt sich des Problems anzunehmen, komme immer wieder "die deutsche Leitkultur zum Vorschein". Wenn die Union behaupte, "Multikulti" sei gescheitert, sei das Rassismus.

Merkel sammelte sowohl Aufträge für Bundestagsabgeordnete als auch Einladungen an sich selbst ein. "Lassen Sie mir Ihre Adresse da", sagte sie mehrfach. In einer Fragerunde zum Zustand der Pflege in Deutschland versprach sie einem Altenpfleger aus Paderborn seiner Einladung in dessen Pflegeeinrichtung zu folgen, um sich selbst ein Bild von den Zuständen zu machen. Der Mann hatte den Mangel an Personal, Ausbildung und Ressourcen beklagt, viele Pfleger und ältere Menschen fühlten sich von der Politik völlig alleingelassen.