Warum ich nicht CDU wählen kann

Früher war ich mir mit den Freunden einig. Wer in den nicht enden wollenden Kohl-Jahren jung war und das Herz irgendwo links vom rechten Fleck hatte, musste nicht lange erklären, warum er nicht die CDU wählte. Die CDU war eine behäbige, selbstgefällige und inhaltsarme Partei mit einem scharfen rechten Rand (Alfred Dregger!). Heute schauen mich dieselben Freunde verständnislos an und fragen: Warum nicht Merkel?

Ich antworte ihnen dann, dass ich die Kanzlerin beim Wort nehme. Seit sie im Amt ist, hat Merkel die direkte Auseinandersetzung mit ihren wechselnden Herausforderern mit dem Argument zu vermeiden versucht, man wähle in Deutschland keine Personen sondern Parteien. So ist es, und ich finde, die CDU ist heute eine behäbige, selbstgefällige und inhaltsarme Partei. Nur Alfred Dregger ist schon eine Weile tot. 

Wie ich zu diesem Urteil komme? In meinem Wahlkreis kandidiert für die CDU ein junger Typ, Anfang 30, er gilt als Modernisierer. Auf seinen Wahlplakaten hat er sich als Funktionsträger verkleidet, was nicht so recht gelingen will, weil weder der steife Hemdkragen (aber keine Krawatte!) noch das rechtwinklig zurechtgerückte Haar die Jugend aus seinem Gesicht vertreiben können. Die Selbstverständlichkeit, dazuzugehören und einmal zu regieren, springt meinem jugendlichen Kandidaten aus jedem Knopfloch, auch aus dem oberen, das er verdruckst geöffnet hat. Ich finde es gut, wenn Parteien Selbstbewusstsein ausstrahlen und regieren wollen; die SPD könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Aber wenn das (Weiter-)Regieren zum alleinigen Bewusstseinszustand einer Partei wird, ist das nicht mehr selbstbewusst sondern selbstgefällig.

Die CDU regiert seit nunmehr zwöf Jahren in einer Zeit großer Umbrüche. Merkel hat auf diese Umbrüche stets situativ und anfallsartig reagiert, etwa nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima oder im Flüchtlingssommer 2015. Mit der Summe ihrer Anfälle hat sie das Land (und ihre Partei) grundlegend modernisiert; ich finde, meistens hat sie richtig reagiert. Aber jenseits des Situativen ist da nicht viel, und in Merkels Wahlkampf herrscht einmal mehr das Biedermeier.

"Wir führen Menschen, Positionen und Ziele zusammen, aber nivellieren keine Unterschiede", schreibt die Union in ihrem "Regierungsprogramm", und weiter: "Die Stärke unserer Politik liegt im Zusammenführen von vermeintlichen Gegensätzen." Konsens herzustellen und Kompromisse zu finden, ist eine hohe Kunst, zumal in Zeiten zunehmender Polarisierung. Aber die CDU verbrämt Inhaltsleere zu Maß und Mitte; mich provoziert das mehr und mehr. Ein Beispiel nur: In einem Land, in dem ich nicht nur gut, sondern auch gerne leben würde, gäbe es keine armen Kinder. Selbst die FDP widmet dem Kampf gegen die Kinderarmut in ihrem Wahlprogramm einen eigenen Abschnitt und macht zwei, drei interessante Vorschläge. Die Union schreibt nur: "Wir finden uns nicht mit Kinderarmut ab." Und präsentiert im Kleingedruckten Klassiker zur Subvention der Mittelschicht, 25 Euro mehr Kindergeld und die Neuauflage eines Baukindergelds. Die Armen werden sich freuen, wenn sie ihr nächstes Haus bauen.

Nein, Freunde, ich stimme auch dieses Mal nicht für die CDU.

Matthias Krupa