SPD-Chef Martin Schulz hat am Abend der Bundestagswahl nach eigenen Angaben an einen Rücktritt gedacht. Dies machte Schulz in einem Schreiben an die mehr als 440.000 SPD-Mitglieder deutlich. In dem ZEIT ONLINE vorliegenden Brief verspricht der Parteichef einen "strukturellen, organisatorischen, inhaltlichen und strategischen Neuanfang", den er gemeinsam mit Fraktionschefin Andrea Nahles voranbringen wolle. "Es geht in den nächsten vier Jahren um nicht weniger als um die Existenz der deutschen, ja der europäischen Sozialdemokratie", schreibt Schulz darin.

Unter Schulz' Führung hatte die SPD bei der Bundestagswahl mit 20,5 Prozent ihr schlechtestes Wahlergebnis in der Nachkriegszeit erzielt. Im neuen Bundestag will die SPD in der Opposition sitzen. Dies hatte Schulz am Wahlabend angekündigt. Wenige Tage später wurde Schulz vom früheren Hamburger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi zum Rücktritt aufgefordert. Andere Parteimitglieder unterstützen, dass Schulz den Parteivorsitz behält. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte, angesichts der anstehenden schwierigen Debatten brauche es einen Parteichef mit hoher Integrationskraft.

Fünf Tage nach der schweren Wahlniederlage wandte sich Schulz nun direkt an die Parteimitglieder: "Natürlich habe ich am Sonntagabend mit mir gerungen und mich gefragt, ob es nicht besser wäre zurückzutreten." Nach unzähligen Gesprächen innerhalb der Parteiführung, der Fraktion und "im ganzen Land" sei er aber zu der Überzeugung gelangt, dass er "zusammen mit der Partei den dringend notwendigen Neuanfang der SPD voranbringen möchte". Das wolle er gemeinsam mit Andrea Nahles tun, "die als neue Fraktionsvorsitzende ihre Ideen, Ziele und Erfahrungen einbringen wird".

Alte Fehler nicht noch einmal wiederholen

Nach den verlorenen Bundestagswahlen 2005, 2009 und 2013 habe es eine ehrliche und tiefer gehende Debatte über die Gründe der Wahlniederlagen nicht gegeben. Es seien "auch keine echten Konsequenzen gezogen worden".

Schulz kritisiert indirekt seinen Vorgänger im Parteivorsitz, Sigmar Gabriel. "Auch in der praktischen Durchführung der Wahlkampagne 2017 haben sich alte Fehler wiederholt", schrieb Schulz. "Wie schon 2009 und 2013 haben wir auch dieses Mal beim Verfahren zur Bestimmung des Kanzlerkandidaten einen Weg gewählt, der uns zu wenig Zeit für die Vorbereitung der Kampagne gelassen hat." Die Ausrufung des Kanzlerkandidaten lag in Händen des damaligen SPD-Chefs Gabriel, der im Januar seinen Verzicht erklärte und Schulz als Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl vorschlug.

Über den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD soll offenbar mit deutlich größerem Vorlauf entschieden werden. "Spätestens beim ordentlichen Parteitag 2019 werden wir die Weichen für 2021 stellen, um bei der nächsten Wahlauseinandersetzung wieder erfolgreich zu sein", kündigte Schulz an. Der nächste Parteitag findet im Dezember statt. Schulz, der im März mit 100 Prozent gewählt worden war, will sich zur Wiederwahl stellen.