"Wer die Zähne nicht putzt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er Karies bekommt." Für Mike Rubbel gilt das auch in einer Demokratie – zu wählen ist für ihn deshalb eine Bürgerpflicht. Seit seinem 16. Lebensjahr ist Rubbel SPD-Mitglied und hat sich dort in verschiedenen Arbeitskreisen engagiert. Doch obwohl der 48-Jährige deutscher Staatsbürger und damit wahlberechtigt ist, kann er nicht ohne Weiteres an der Bundestagswahl teilnehmen. Denn der Mann mit dem langen Zopf hat keinen festen Wohnsitz. Deswegen ist er auch nicht im Wählerverzeichnis registriert.

So wie Rubbel geht es Zehntausenden Menschen in Deutschland. Weil es keine offizielle Statistik gibt, lässt sich die Zahl der Betroffenen nur schätzen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) geht davon aus, dass 2014 rund 335.000 Menschen über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügten. 2018 könnten es bereits 536.000 Wohnungslose sein. Die meisten von ihnen leben in Notunterkünften, Wohnheimen oder bei Freunden – manchmal, ohne dort gemeldet zu sein. Die Zahl der Obdachlosen, die ohne festen Wohnsitz auf der Straße schlafen, schätzt die BAG W auf etwa 40.000.

Für diese Menschen gelten in Bezug auf ihr Wahlrecht besondere Regeln. Laut dem Bundeswahlleiter mussten Wohnsitzlose "bis zum 21. Tag vor der Wahl einen Antrag auf Eintragung in das Wählerverzeichnis gestellt haben". Mike Rubbel hat das getan und seinen Wahlschein beantragt, "auch wenn es mit Stress verbunden war". Doch der Frankfurter dürfte damit eine Ausnahme sein.

Konkrete Zahlen, wie viele Wohnsitzlose sich zur Bundestagswahl angemeldet haben, liegen zwar weder dem Bundeswahlleiter noch der Wohnungslosenhilfe vor. Die Sprecherin der BAG W, Werena Rosenke, geht aber davon aus, dass nur wenige Wohnungslose wählen gehen. Sie verweist auf die insgesamt niedrige Wahlbeteiligung unter ärmeren Menschen. Dieser Zusammenhang wird etwa in einer Studie der Bertelsmann Stiftung zur Bundestagswahl 2013 untersucht. Als Fazit heißt es dort: "Je prekärer die Lebensverhältnisse, desto geringer ist die Wahlbeteiligung."

Obdachlose sind mehrfach benachteiligt

Robert Vehrkamp, Autor der Studie und Demokratieexperte der Bertelsmann Stiftung, sagt: "Obdachlose sind mehrfach benachteiligt. Sie müssen sich in einem relativ komplizierten Verfahren erst einmal selbst registrieren lassen. Das wissen und machen nur wenige." Vehrkamp hält Obdachlosigkeit deshalb für "ein krasses Beispiel für die soziale Selektivität unserer Wahlen".

Ein Blick auf die Metropolen bestätigt dies: In Berlin schätzt die Landesarmutskonferenz die Zahl der Wohnungslosen auf 20.000, dazu kommen bis zu 8.000 Obdachlose. Davon könnten etwa die Hälfte Ausländer sein, glaubt eine Sprecherin der Berliner Sozialverwaltung. Bleiben Tausende Wahlberechtigte – doch laut der Landeswahlleiterin haben sich nur 63 Wohnsitzlose zur Wahl angemeldet. In Hamburg sind es 50 bei geschätzt 2.000 Obdachlosen. In Bremen registrierten sich sechs Wohnsitzlose, in Frankfurt nur fünf. 

Warum so wenige Obdachlose zur Wahl gehen, kann auch Ralf nicht so recht erklären. "Ich hätte eigentlich schon gern gewählt", sagt der 55-Jährige. "Aber ich hatte den Kopf nicht frei." Früher arbeitete der stämmige Mann in einem Wanderzirkus, vor drei Jahren kam er nach Frankfurt und wurde wohnungslos. Seit einem Jahr lebt er in einem Wohnwagen der Caritas – ohne Meldeadresse. Heute ist Ralf in die Casa 21 gekommen, eine Beratungsstelle für Wohnungslose im Zentrum Frankfurts. "Wir haben unsere Klienten natürlich auf die Wahl aufmerksam gemacht. Aber viele befinden sich in prekären Wohnverhältnissen", sagt Peter Schmitt, der Leiter der Casa 21. "Diese Menschen haben meist andere, existenzielle Sorgen: Wo finde ich einen Schlafplatz oder eine geeignete Wohnung? Wer auf der Straße lebt, muss sich erst mal um ein warmes Essen kümmern und hat womöglich Angst vor Übergriffen."