Frank Plasberg ist begeistert: "Wer sagt’s denn, es gibt doch noch Leidenschaft in der Politik!", ruft der Journalist in seiner Sendung, als er vom Fünfkampf der kleinen Parteienvertreter in der ARD zu seinem anschließenden Talk bei Hart, aber fair überleitet. Nach dem starren, durchformatierten, "großkoalitionären Selbstgespräch" (Jürgen Trittin) zwischen Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Martin Schulz vom Vortag war das Verlangen nach einer wirklich kontroversen und informativen Wahlsendung groß.

Diesmal zeigte sich: Das Konzept, Kandidaten möglichst vieler relevanter Parteien ohne Regelkorsett mit- und gegeneinander diskutieren zu lassen, ist so schlecht nicht. Und es kann richtig interessant werden, wenn die sich die Fragen gegenseitig stellen – statt den Moderatoren zu antworten.

An den silbrig-weiß glänzenden Säulentischen standen zwei Frauen und drei Männer: Sahra Wagenknecht von der Linken, Alice Weidel von der AfD, Cem Özdemir von den Grünen, der Liberale Christian Lindner und Joachim Herrmann – damit sich auch die nur in Bayern antretende CSU exponieren kann. Hinter den Spitzenkandidaten streckten sich Fächer aus kühl-blauem Licht hoch bis in das rot ausgeleuchtete Deckengewölbe des TV-Studios. In diesem Star Wars ähnelnden Ambiente sollte sich andeuten, welche Partei zur Bundestagswahl nach Union und SPD auf Platz drei kommen könnte. Wieder mit dabei war die FDP, die eine gute Chance hat, die Fünfprozenthürde diesmal zu überwinden. 

Erstmals bei einer Bundestagswahl dürfte dies auch die AfD schaffen. Noch vor den Landtagswahlen von 2016 gab es Politiker, die sich nicht mit den Rechtspopulisten öffentlich an einem Tisch zeigen wollten, sogar Medien – etwa der Südwestrundfunk – schlossen AfD-Vertreter aus Kandidatenrunden aus. Doch Weidels Mitwirkung hinterfragt keiner mehr. Die Spitzenkandidatin war bei Anne Will, sie war Gesprächspartnerin in einem der TV-Sommerinterviews. Die Rechtspopulisten sind durch ihre Landtagswahlergebnisse von regional mehr als 20 Prozent politisch etabliert. Die anderen Parteien haben das Ausgrenzen aufgegeben.

Die Wahlkampfzentrale twittert mit

Reguliert war das Gespräch lediglich durch Zeitkonten für jeden Diskutanten. Die Gäste antworteten auf Fragen zum notwendigen Ausbau des Glasfasernetzes, ob unter Staatsregie oder durch freie Unternehmen – das blieb ein Streitpunkt zwischen CSUler Herrmann und der Linken Wagenknecht.

So ging es weiter zum Thema Schulen, Rente, Innere Sicherheit. Lindner schlug vor, islamistische Gefährder mit Fußfesseln auszustatten. Jeder versuchte, in den Antworten schnellstmöglich auf sein Lieblingsthema zu schwenken: Wagenknecht etwa zur Vermögenssteuer oder die Euro-Rettung, Lindner zur Bildungsgerechtigkeit – alles meist geläufige Positionen der Parteien. Als Weidel den Wohnungsbau zur Angelegenheit des freien Marktes erklärt, twitterte die Linken-Wahlkampfzentrale sarkastisch: "Betongold für Reiche statt Mietpreisbremse".   

Weidel umgarnt Wagenknecht

Ausschweifend erläuterte Herrmann die Feinheiten des Asylrechts – bis ihn die Moderation stoppte. Einig war man sich weitgehend, dass Flüchtlinge nicht "ins Sozialsystem einwandern" sollten. Abgelehnte Flüchtlinge abzuschieben forderte kompromisslos nur die AfD. In Verbindung mit einer Obergrenze von 10.000 behelfsmäßig (subsidiär) geschützten Flüchtlingen pro Jahr ergebe sich dann eine "Minuszuwanderung", erläuterte Weidel – was weniger radikal wirkt als die auf AfD-Kundgebungen proklamierte "Obergrenze Null", aber deutlich weniger ist als die von der CSU verfochtene Obergrenze von 200.000 Menschen.

Alle anderen Parteien beschränken das Abschieben zunächst auf Straftäter und Gefährder. Wagenknecht plädiert dafür, jeden Einzelfall zu prüfen, insbesondere, wenn die Abgelehnten durch Schulbesuche integriert sind, wie jüngst bei einem Fall in Bayern. Als Weidel darauf hinwies, dass Bayern weniger Asylbewerber zurückschickt als das grün-schwarz regierte Baden-Württemberg, gab Özdemir der AfD-Spitzenkandidatin sogar Recht.

Um das starre Referieren der im Netz nachlesbaren Wahlprogramme abzuschließen und in Fahrt zu kommen, brauchte die Runde deutlich länger als das Kanzlerkandidaten-Duo vom Sonntag. Nach einer Stunde wurde es aber dynamisch: Die Moderatoren Sonja Mikich (WDR) und Christian Nitsche (BR) forderten die Kontrahenten auf, sich gegenseitig nach Belieben zu befragen.

Als erste umgarnte Weidel (AfD) Sahra Wagenknecht von der Linken, sie sei "die vernunftorientierte Person in ihrer Partei, leider fast die einzige" und fragte sie nach den "offenen Grenzen für alle", wie sie ein Großteil der Linken anstrebe. Doch Wagenknecht, die in der Flüchtlingspolitik mehrfach AfD-ähnliche Positionen vertreten hatte, erkannte die Falle und wies das Lob zurück. In der Sache aber zeigte sich Gemeinsamkeit: Auch Wagenknecht will keine offene Grenzen, jedenfalls nicht auf absehbare Zeit: "Das ist natürlich eine Zukunftsvision", sagte sie zu Weidel und schwenkte thematisch zur Bundesregierung, die mit "islamistischen Warlords in Libyen paktiert" – gemeint ist die mit EU-Geld ausgebildete Küstenwache des Bürgerkriegslandes.

Christian Lindner umgarnte Cem Özdemir: "Der könnte ja Außenminister sein, in welcher Konstellation auch immer", sagte der FDP-Chef und meinte ein schwarz-gelb-grünes Bündnis mit FDP und Merkels Union – eine politisch nicht undenkbare Koalition. Wie konsequent Özdemir gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin sei, wollte Lindner wissen – angesichts der deutsch-russischen Gaspipeline-Projekte und der sozialdemokratischen Absichten, Deutschland endgültig atomwaffenfrei zu machen. Man duzt sich: "Wo stehst du?" Özdemir blieb die Antwort schuldig. "Hier geht es nicht um Parteienpolitik." Er plädierte für ein atomwaffenfreies Deutschland, erinnerte aber auch an die Ukraine, die ihr Abschreckungsarsenal abrüstete und die Krim an Russland verlor.  

"Halbnazis in den Bundestag"

Dann verhakten sich Özdemir und Herrmann im Streit um die wenigen bayerischen Kohlekraftwerke und die Bewahrung der Schöpfung, die der Grünen-Politiker insbesondere von einer Partei "mit dem C im Namen" einforderte. Als Letzte fragte Sahra Wagenknecht Weidel, warum sie als Spitzenkandidatin für eine Partei werbe, für die demnächst "Halbnazis in den Bundestag einziehen".  Weidel wirkte irritiert, musste sich kurz sammeln. Dann beschrieb sie der "lieben Frau Wagenknecht" die AfD als eine Partei von 28.000 Individuen – und damit auch mit Problemen. Sie lenkte auf den "hohen Akademisierungsgrad" in ihren Reihen und versprach, "nachhaltige Politik" zu machen. "Hier geht es nicht um Doktortitel, sondern um Charakter", grätschte Lindner dazwischen – als wenn der AfD-Nationalismus nur eine Charakterschwäche wäre.

Weidel versuchte noch, auf das Parteiausschlussverfahren gegen mehrere AfD-Rechtsaußen hinzuweisen, doch das ging in den Worten von Moderatorin Mikich unter, die zur Schlussrunde überleitete.

Litt das Duell der Kanzlerkandidaten unter Starre, war der Fünfkampf der Kleinen zeitweise fast zu dynamisch. Die Moderatoren mühten sich redlich, die Diskussion der fünf Gesprächspartner zu steuern, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und auch jenen Zuschauern Erkenntnisse zu vermitteln, die keine Politikspezialisten sind. Moderatorin Mikich korrigierte Weidel, als die in der Diskussion über saubere Luft falsche Schadstoffgrenzen nannte. "Fake News" nannte Özdemir das. Oft poltern in solchen Runden, in Landtagen, auf Kundgebungen oder Demonstrationen, die Vertreter der AfD. Diesmal war auch das anders.