ZEIT ONLINE: Herr Marschall, kann ich den Wahl-O-Mat auch machen, wenn ich wenig gebildet bin und mich gar nicht für Politik interessiere?

Stefan Marschall: Ja, das ist sogar die grundlegende Idee hinter unserem Angebot. Wir wollen auch Menschen, die sich kaum für Politik interessieren, mit politischen Fragen konfrontieren.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig gibt es Fragen, die ein großes Vorwissen erfordern. Zum Beispiel die Frage nach der Löschung von Falschinformationen im Netz. Da geht es ja darum, wie man das Netzdurchsetzungsgesetz von Justizminister Heiko Maas (SPD) bewertet. Die Debatte dazu kennt sicher nicht jeder.

Marschall: Das ist immer eine Gratwanderung. Natürlich versuchen wir, die Thesen so verständlich wie möglich zu formulieren. Andererseits müssen sie auch eine bestimmte sachliche und fachliche Qualität haben. Deshalb gibt es die Möglichkeit, Thesen zu überspringen und sich später dazu zu informieren. Es ist gut, wenn bei manchen Themen auch mal ein Fragezeichen entsteht. Das kann den Anlass geben, sich weiter über ein Thema zu informieren.

ZEIT ONLINE: Wer entscheidet denn darüber, welche Thesen in den Wahl-O-Mat kommen?

Marschall: Die abgefragten Themen werden in zwei Workshops erarbeitet. Beim ersten wird auf der Grundlage der Parteiprogramme von einer Jugendredaktion aus 26 Erst- und Zweitwählern eine Longlist erstellt, die nach bestimmten Themen gegliedert ist. Diese Longlist – dieses Jahr bestand sie aus 83 Thesen – wird dann von den Parteien beantwortet. Aus diesem Topf wählt dann die Redaktion in einem zweiten Workshop die finalen 38 Thesen aus. Zusätzlich gibt es ein Expertenteam, zu dem ich gehöre, das den Prozess begleitet und die Jugendlichen unterstützt.

ZEIT ONLINE: Ab wann ist eine Position denn relevant für den Wahl-O-Mat?

Marschall: Da geht es darum, was in den Parteiprogrammen zu finden ist, aber auch, was darüber hinaus in Deutschland diskutiert wird und im Wahlkampf wohl eine Rolle spielen wird. Das debattieren die Jugendlichen in ihren Workshops. Und natürlich sollen bestimmte Bereiche wie etwa Arbeit und Soziales, Inneres und Demokratie abgedeckt werden. Das alles wird dann im Plenum mit allen Jugendlichen diskutiert.

ZEIT ONLINE: Obergrenze, Kindergeld nur für Deutsche, Leistungskürzungen für Flüchtlinge, Holocaustgedenken. Warum finden sich im aktuellen Wahl-O-Mat so viele Thesen, die rechtspopulistisch klingen?

Marschall: Für uns ist es wichtig, Parteien voneinander zu unterscheiden. Es soll ein möglichst differenziertes Ergebnis herauskommen, auch bei Parteien, die ähnliche Programme haben. Ein Wähler der AfD soll eben möglichst klar bei seiner Partei landen und nicht bei der CSU oder der NPD. Deswegen sind auch solche Thesen im Wahl-O-Mat. Die sind aber nicht nur für Rechtsaußen dabei, sondern auch für Linksaußen, zum Beispiel die Frage nach der Verstaatlichung der Banken.

ZEIT ONLINE: Kann es nicht auch gefährlich sein, solche Fragen zu stellen? Immerhin wird zum Beispiel bei der Frage nach der Erinnerungskultur in Deutschland ein Konsens, der über Jahrzehnte bestand, zur Abstimmung gestellt.

Marschall: Ich würde das nicht als Gefahr sehen. Das ist einfach ein Punkt, der in einem Fragebogen abgefragt wird. Wenn das für den Nutzer selbstverständlich ist, kann er oder sie ja seine selbstverständliche Antwort darauf geben. Zugleich gibt es bei diesen Fragen Menschen und Parteien, die das nicht als selbstverständlich wahrnehmen. Und die lassen sich so deutlich abgrenzen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie nicht, dass so eine Frage auch als Legitimation gesehen werden kann, jetzt mal wieder offen über die Erinnerung an den Holocaust zu diskutieren? Und das mit offizieller Zustimmung der Bundeszentrale für politische Bildung?

Marschall: Bei der Bundeszentrale für politische Bildung ist man sich der Verantwortung durchaus bewusst. Aber gleichzeitig geht es hier ja nicht um irgendwelche Programme oder Dinge, die zur Diskussion gestellt werden. Es geht um Fragen, von denen wir denken: Hier können wir die Parteien unterscheiden. Das ist das einzige Ziel und der Zweck der Fragen – nicht irgendwelche Debatten voranzubringen oder zu legitimieren.

ZEIT ONLINE: Gleichen Sie die Antworten der Parteien im Wahl-O-Mat eigentlich mit deren Programmen ab? Also wenn eine Partei zu einer These Ja sagt, in ihrem Wahlprogramm aber Nein – würde Sie das korrigieren?

Marschall: Nein, wir würden das nicht korrigieren. Die Positionen im Wahl-O-Mat sind vom jeweiligen Parteivorstand autorisiert, das ist für uns das Entscheidende. Teilweise sind die Programme auch recht diffus, weshalb es oft schwer wäre, überhaupt gegenzuchecken, was die Position der Partei ist. Oder die Position der Partei hat sich kurzfristig geändert. Deshalb sagen wir: Was die Partei so bestätigt, das ist auch ihre Position.

ZEIT ONLINE: Sie fragen zum Beispiel: "Der Völkermord an den europäischen Juden soll weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur sein." Die AfD stimmt der These zu – obwohl der thüringische AfD-Chef Björn Höcke in einer Rede eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" gefordert hat. Bietet der Wahl-O-Mat der Partei nicht hier eine Chance, sich bürgerlicher zu geben, als sie tatsächlich ist

Marschall: Ich denke man sollte die Antworten, die die Parteien beim Wahl-O-Mat geben, nicht unterschätzen. Die werden ja auch von den Parteimitgliedern wahrgenommen. Deshalb werden die Parteien nur schwer eine Position vertreten können, die völlig der Haltung der Mehrzahl der Mitglieder widerspricht. So kontrollieren die Parteimitglieder hier ein Stück weit auch ihre Führung. Die Partei muss offiziell Farbe bekennen – und das hat die AfD in diesem Fall auch machen müssen.