Christian Lindner hat viel erreicht. Erst richtete der FDP-Vorsitzende seine Partei nach dem Rauswurf aus dem Bundestag 2013 wieder auf. Dann überzeugte er eine misstrauische Öffentlichkeit davon, die Freien Demokraten von heute seien ganz anders als die "Gurkentruppe" seiner Amtsvorgänger Guido Westerwelle und Philipp Rösler. Und jetzt steht er womöglich vor einem nahezu einzigartigen Erfolg in der Geschichte der Bundesrepublik: dem Sprung aus der außerparlamentarischen Opposition ins Bundeskabinett. Nach der Wahl könnte wieder Schwarz-Gelb regieren.

Umfragen sehen die Unionsparteien zwischen 36,5 und 38 Prozent, die FDP zwischen 8 und 10 Prozent. Zusammen ist das noch nicht die absolute Mehrheit. Aber weil womöglich sechs Parteien ins Parlament einziehen werden, könnten auch weniger als 50 Prozent der Stimmen für eine Mehrheit der Bundestagssitze reichen. Zudem entscheiden sich erfahrungsgemäß viele unentschlossene Wählerinnen und Wähler letztlich für Parteien, die als Favoriten gelten. Und diesmal geben fast die Hälfte der Befragten an, sie wüssten noch nicht, wen sie am 24. September wählen werden. Union und FDP könnten davon profitieren.

Jens Spahn - Was ist besser für Deutschland – Schwarz-Gelb oder Schwarz-Grün? Interessant ist bei der Bundestagswahl, wie die kleinen Parteien abschneiden. Mit welcher er am liebsten koalieren würde, sagt CDU-Staatssekretär Jens Spahn im Video. © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE

Es ist erstaunlich: Nur vier Jahre nach dem krachenden Ende von Schwarz-Gelb wirkt das Bündnis bei Wahlberechtigten wieder attraktiver als jedes andere. Laut einer Befragung im Auftrag von Spiegel Online favorisieren 28,2 Prozent der Befragten eine Koalition von Union und FDP. Für das zweitbeliebteste Bündnis – Rot-Rot-Grün – sprechen sich nur 16,8 Prozent aus.

Doch wofür stünde Schwarz-Gelb 2017? Hat sich die FDP unter Lindners Führung grundlegend verändert? Und gibt es diesmal zwischen CDU, CSU und FDP genug Gemeinsamkeiten, um vier Jahre gemeinsam im Bund zu regieren?

Weniger Inklusion, mehr Unternehmerinteressen

Erste Antworten liefert ein Blick nach Nordrhein-Westfalen. Dort formen CDU und FDP seit dem vergangenen Sommer die derzeit einzige schwarz-gelbe Koalition auf Landesebene. Lindner führt seine Partei auch im bevölkerungsreichsten Bundesland. Und wie in einem möglichen Berliner Bündnis hat er es hier mit einem Unionsregierungschef zu tun, der den Ruf hat, leise im Ton und verbindlich im Umgang zu sein. In Düsseldorf funktioniert diese Mischung bislang. Beide Parteien einigten sich in wenigen Wochen auf einen Koalitionsvertrag.

Die ersten Entscheidungen des NRW-Bündnisses deuten zumindest an, welche Schwerpunkte eine Merkel-Lindner-Koalition im Bund setzen könnte: Die umstrittene Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte wird abgeschafft, ebenso die Frauenförderung im öffentlichen Dienst. Die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Behinderungen – ein Prestigeprojekt der Vorgängerregierung – wird aller Voraussicht nach nicht forciert. Damit schraubt Schwarz-Gelb gesellschaftspolitische Reformen von Rot-Grün zurück. Auch die sogenannte Hygieneampel für Gastronomiebetriebe könnte bald fallen. Kommt es dazu, stellen Union und FDP das Interesse von Unternehmern über die Gesundheit von Verbrauchern.

Ansonsten hält sich die neue Koalition bedeckt. Bis zur Bundestagswahl will sie politischen Konkurrenten keine Angriffsfläche bieten. Lindners FDP gelingt das besser als Laschets CDU. Der Ministerpräsident kürte einen Mann zum für Medien zuständigen Minister, der gleichzeitig Führungsämter in der Funke-Mediengruppe hielt. Der gab daraufhin seine Unternehmensämter ab, nicht aber seine Anteile.