Wenn es um Angela Merkel geht, kann sich die CSU oft nicht zurückhalten – die Kritik wird offen und ohne Rücksicht formuliert. Nach dem TV-Duell am Sonntag  gegen den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz überschlägt sich die Partei jedoch mit Lob. "Das war ja wie Champions League gegen Kreisklasse Würselen", sagt der stellvertretende CSU-Generalsekretär Markus Blume in der Kantine des Franz-Josef-Strauß-Hauses, der Parteizentrale der CSU.

Der Schlagabtausch ist erst vor wenigen Sekunden zu Ende gegangen. Mehr als hundert CSU-Anhänger, viele davon aus der Jungen Union, haben sich die Übertragung auf zwei Großbildleinwänden angeschaut, die Parteiführung hatte zu einer Twitterparty geladen. Parteifreunde sollten das Duell gemeinsam live auf Social Media kommentieren. 

Die Stimmung vor dem Duell: Merkel wird's schon richten

Das Merkel-Lager hält sich kurz nach dem Duell noch zurück, einen klaren Sieger des Aufeinandertreffens zu verkünden. Die Kanzlerin hatte ihre Leute immer wieder vor zu viel Siegesgewissheit und Überheblichkeit im Wahlkampf gewarnt. In München stehen dagegen bereits  hochrangige CSU-Mitglieder vor den Kameras und Mikrofonen, um keinen Zweifel an der Deutungshoheit aufkommen zu lassen.

"Merkel hat haushoch gewonnen", sagt Blume. "Im Boxen würde man sagen, Schulz war ein Fliegengewicht." Ein "Klassenunterschied" sei das gewesen, findet auch CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. Wenig später ziehen in Berlin Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) und CDU-Generalsekretär Peter Tauber nach und proklamieren einen Merkel-Sieg – wenn auch nicht ganz so vollmundig wie ihre Kollegen von der CSU.

In der CSU-Zentrale waren trotz der Misstöne zwischen den beiden Schwesterparteien in den vergangen Jahren schon vor Beginn die Sympathien klar verteilt: "Dass die SPD schon in der Nacht eine Meldung über den Sieg von Schulz gepostet hat, macht ihn unglaubwürdig", findet Charly Stockbauer aus München. Sein Kollege, ebenfalls aus der JU, Matthias Böttger, pflichtet bei: "Merkel hat viel Erfahrung und wird das souverän machen."

So sehen das fast alle hier. Merkel wird das mit ihrer gelassenen Art schon richten. Auch wenn Gelassenheit nicht gerade die Kerntugend ist, die der durchschnittliche CSU-Wähler von seinem Spitzenpersonal verlangt. "Merkel hat zwar Schwächen, aber Schulz wird das nicht ausnutzen können", meint einer. "Sie ist halt nicht so ein Haudruff", sagt ein anderer. "Aber dafür bleibt sie authentisch."

Die Kanzlerin hat Humor

Das Duell beginnt mit dem Thema Flüchtlinge. Merkel rechtfertigt ihre Politik der vergangenen zwei Jahre, sowohl die Grenzöffnung als auch ihre Versuche, die Zuwanderung zu begrenzen – den größten Streitpunkt zwischen CDU und CSU. Für ihre Eröffnung bekommt sie zwar keinen Applaus, so doch zumindest freundliches Nicken im Publikum in der CSU-Zentrale.

Schulz verhaspelt sich gleich zu Anfang kurz und will seinen Satz, Merkel betreibe einen "Anschlag auf die Demokratie" so nicht wiederholen. Da johlt die Kantine, so viel Defensive ist gar nicht Bierzelt-Style und kommt nicht gut an. Der SPD-Kandidat versucht dann, was die CSU zweieinhalb Jahre erfolglos versucht hat: Merkel beim Thema Flüchtlinge in die Enge zu treiben. Da steigt in München doch kurz die Anspannung. Aber letztlich fällt ihm nicht viel mehr ein als eine europäische Lösung zu fordern. Ansonsten liegt er inhaltlich nicht weit entfernt von der Amtsinhaberin. Das zählt in der CSU-Zentrale auch als Punkt für Merkel. "Wozu SPD wählen, wenn man auch Merkel wählen kann", fasst einer zusammen.

"Reine Wahltaktik"

Er habe da was nachgelesen, nimmt Schulz Anlauf, um ein Zitat eines schiitischen Geistlichen vorzutragen. "Das ist gut", kommentiert Merkel, noch bevor Schulz das Ergebnis seiner Recherche präsentieren kann. Dieser trockene Humor der Kanzlerin verfängt. Und weil Schulz spürbar aus dem Konzept ist, merken die CSU-Anhänger: TV-Duelle sind vielleicht nicht Merkel Stärke, aber da geht was.

Richtig heiter wird es in München noch zwei Mal: Als Schulz etwas verstottert auf eine Frage der Moderatoren antwortet, er sei am Sonntag zwar nicht in einer Kirche gewesen, dafür in einer Kapelle. Und als Merkel die Autobahnmaut lobt. Es sei schließlich fair, wenn Ausländer ebenso zahlen müssten, wie Deutsche in Österreich.

Verkehrte Welt schließlich, als Schulz erneut versucht, sich bei der CSU zu bedienen, um die Kanzlerin zu stellen. Der SPD-Chef fordert, die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei abzubrechen – eine Forderung, die die Christsozialen seit Jahren in regelmäßigen Abständen erheben. Merkel beharrt auf ihrer Linie. Man könne der Türkei vielleicht Geld kürzen, da wäre sie dabei. Doch um die inzwischen 14 aus politischen Gründen festgenommenen Deutschen frei zu bekommen, müsse man Gesprächskanäle offen halten.

Dafür gibt es zustimmenden Applaus von der CSU-Basis. "Lächerlich" die Forderung von Schulz, sagt CSU-Generalsekretär Scheuer nach dem Duell. "Reine Wahltaktik, das ist vollkommen unglaubwürdig, bis vor wenigen Jahren war Schulz selbst für eine Vollmitgliedschaft der Türkei." Wenn die CSU die Kanzlerin schon gegen die eigenen Argumenten in Schutz nimmt, dann kann man wohl von einer gelungenen Versöhnung sprechen.