Als AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland im Fernsehen den Triumph seiner Partei mit martialischen Worten feiert, drehen die Linke bei ihrer Wahlparty die Musik auf. "Schrei nach Liebe", ein Anti-Nazi-Lied der Band Die Ärzte, dröhnt durch den Festsaal Kreuzberg in Berlin. "Hass ist deine Attitüde, ständig kocht dein Blut", singt Frontmann Farin Urlaub. Die Botschaft ist klar: Die Linkspartei-Anhänger wollen gar nicht hören, was die AfD-Politiker zu sagen haben. Dabei ist allen Anwesenden klar, dass es wichtiger denn je ist, sich mit den Rechtspopulisten auseinanderzusetzen.

Die Linke hat zwar im Vergleich zur vergangenen Bundestagswahl leicht zugelegt, kommt auf rund neun Prozent. Doch damit ist keiner in der Partei zufrieden. Erstens, weil die Parteispitze als Ziel ein zweistelliges Ergebnis ausgegeben hatte. Zweitens, weil man seine Rolle als stärkste Oppositionspartei verloren hat und womöglich sogar als kleinste Fraktion in den Bundestag einzieht. Drittens, weil das starke Abschneiden der AfD an der Linkspartei nicht spurlos vorbeigeht – in vielerlei Hinsicht.

Die Linke verliert 430.000 Wähler an die AfD

Zunächst einmal ist es für eine Partei, die sich als antifaschistisch bezeichnet, ein besonders großer Schock, dass eine Partei rechts der CDU mitsamt einiger rechtsextremer und rassistischer Abgeordneter in den Bundestag einzieht. "Natürlich haben wir gemischte Gefühle", sagte Parteichefin Katja Kipping zu dem Zugewinn ihrer Partei. "Dieses Wahlergebnis ist Ausdruck einer Verschiebung nach rechts."

Die Linkspartei leidet unter einer starken AfD aber auch, weil sie ihr Wähler wegnimmt. Rund 430.000 Menschen, die 2013 noch die Linke gewählt hatten, stimmten nun für die Rechtspopulisten. Nur weil 380.000 enttäuschte SPD-Wähler, 140.000 Grüne-Wähler und 70.000 CDU/CSU-Wähler diesmal bei der Linkspartei ihr Kreuz machten, konnte sie ihr Ergebnis leicht verbessern. Linke und AfD könnten inhaltlich zwar kaum weiter voneinander entfernt sein, aber ein Teil ihrer Zielgruppe überschneidet sich.

Es sind zum einen die Armen und diejenigen, die Angst haben, arm zu werden. Für sie fordert die Linke bessere Sozialleistungen, die AfD verspricht ihnen, sie vor der Konkurrenz durch Migranten zu schützen. Das rechte Argument schien in diesem Wahlkampf besser anzukommen: Viele Arbeiter wählten die AfD.