Die Stadt, die sich der AfD-Logik entzieht – Seite 1

Ende Juni schlägt die US-Nachrichtenseite Breitbart News Alarm: "Frankfurt wird erste deutsche Stadt, in der Eingeborene in der Minderheit sind." Die Schlagzeile verbreitet sich in kürzester Zeit im Netz, auch in Deutschland taucht sie in rechten Internetforen auf, wird tausendfach bei Facebook und Twitter geteilt. Deutsche fremd im eigenen Land. Frankfurt, eine Stadt voller Ausländer. Das ist die Botschaft.

Dass Schock-Artikel wie dieser ausgerechnet bei Breitbart auftauchen, ist kein Wunder: Die Seite gilt als Wahlkampfhelfer Donald Trumps, sie ist das Leitmedium der Neuen Rechten in den USA. Doch die dahinterstehende Frage lautet: Was ist wirklich los in Frankfurt?

"Laut unserer Melderegisterdaten beläuft sich der Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund aktuell auf 51,2 Prozent", sagt Frankfurts Integrationsdezernentin Sylvia Weber. Zwar machen Deutsche mit deutschen Vorfahren – anders als von Breitbart behauptet – noch immer die größte Gruppe der Frankfurter aus, doch sind sie eben nicht mehr die absolute Mehrheit. In dieser Hinsicht ist Frankfurt in der Bundesrepublik tatsächlich einzigartig. Was aber bedeutet das für den Wahlkampf?

An einem Freitag, gut zwei Wochen vor der Wahl, schreitet Horst Reschke an einer Polizei-Absperrung im Frankfurter Südbahnhof entlang. Die Hände hinter dem Rücken gefaltet, lässt er den Blick über die Menschen streifen, die sich durch den Berufsverkehr drängeln. Der 66-Jährige wirkt noch immer wie der Polizist, der er 40 Jahre lang war.

Müsste hier die Angst nicht besonders groß sein?

Mittlerweile ist Reschke Direktkandidat der AfD für den Wahlkreis im Westen Frankfurts. Heute hat sein Kreisverband zum letzten Wahlkampf-Event vor dem 24. September eingeladen. Als die ersten Gäste an dem Saal im Bahnhof ankommen, müssen sie sich an den Dutzenden gepanzerten Polizisten vorbeizwängen, die dort zum Schutz der Veranstaltung stehen. Reschke begrüßt jeden einzelnen Gast mit Handschlag.

Folgt man der Logik der AfD, müsste die Partei in Reschkes Wahlkreis Erfolge feiern, wenigstens müsste sie CDU und SPD ernsthaft Konkurrenz machen. Mit ihren Forderungen nach einer deutschen Leitkultur, ihrer Kritik an Einwanderung und ihren Parolen gegen Ausländerkriminalität bedient die AfD eben jene Ängste, die der Partei im Osten Deutschlands Ergebnisse von bis zu 24 Prozent einbringen. Wenn es in keiner anderen deutschen Stadt mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln gibt als in Frankfurt – müsste hier dann nicht auch die Angst besonders groß sein?

"Niemand würde sich mehr darüber wundern, wenn wir hier gewinnen, als ich selbst", sagt Reschke und blickt auf den Marktplatz vor dem Bahnhof. Dort hat sich eine Gruppe Gegendemonstranten versammelt; sie stehen zwischen Adems Gemüsebasar und Kirs Grillhähnchen und verteilen Flyer, die vor seiner Partei warnen. "In Frankfurt haben wir uns an die Einwanderung eigentlich gewöhnt, das hier ist eine tolerante Stadt", sagt Reschke.

Keine Infostände der AfD in der Innenstadt

Er selbst ist in einem der härtesten Viertel Frankfurts aufgewachsen, dem Gallus: hohe Arbeitslosigkeit, viel Kriminalität. "Aber die Gastarbeiter dort waren feine Leute, sie haben viel für unser Viertel getan." Resche klingt anders als viele seiner Parteikollegen, gemäßigter. Anstatt mit pauschalen Ressentiments die Furcht vor der Einwanderung anzuheizen, differenziert er. Er sagt Dinge wie: "Oft sind die Opfer von Straftaten in unseren Problemvierteln ja selbst Menschen mit ausländischen Wurzeln." Warum will er dann ausgerechnet für die AfD in den Bundestag?   

Irgendwann in den letzten zehn Jahren sei die Situation gekippt, erzählt Reschke. Die Zahl der Straftaten sei aus dem Ruder gelaufen: Der Drogenhandel rund um den Hauptbahnhof habe sich ausgeweitet, in immer mehr Wohnungen wurde eingebrochen. Als Reaktion darauf hätte sich Reschke gewünscht: mehr Polizisten mit besserer Ausbildung und neuerer Ausrüstung. "Das hat die CDU aber nicht gemacht, im Gegenteil. Deshalb bin ich jetzt in der AfD", sagt er.

Mehr als neun Prozent wären schon ein Erfolg

Doch trotz Reschkes mildem Auftreten wollen in Frankfurt wenige etwas von den Rechten wissen. Es sei schon ein Erfolg, wenn man das Ergebnis der Kommunalwahl von vor zwei Jahren steigern könnte, sagen sie hier. Damals, als tägliche Tausende Flüchtlinge ins Land kamen, erhielt die AfD 8,9 Prozent. Für Westdeutschland ein solides, aber kein starkes Ergebnis. Und das in einer Stadt wie Frankfurt.

Beide Wahlkreise der Stadt sind seit Jahren fest in CDU-Hand. Reschkes Konkurrent im Westen ist der Sozialpolitiker Matthias Zimmer, seit 2009 hält er das Direktmandat. In seinem Bundestagsbüro sitzt Zimmer zwischen vollen Bücherregalen und Stehlampen mit fransigen Schirmen. Sein Arbeitsplatz wirkt wie ein Wohnzimmer, er hat es sich in Berlin gemütlich gemacht. Schließlich muss er nicht damit rechnen, dass bald jemand anders seinen Platz einnimmt: In den Umfragen führt er klar. "Die Frankfurter wissen, dass sich die Probleme der Stadt nicht mit populistischen Forderungen, sondern nur im Gespräch miteinander lösen lassen", sagt Zimmer. 

Anders als seine Konkurrenten stellen Reschke und seine Kollegen keine Infostände in der Innenstadt auf, sie klopfen nicht an Türen, verteilen keine Kugelschreiber. "Wir müssen immer wieder mit Übergriffen von linken Demonstranten rechnen", sagt Reschke. Stattdessen schaltet die Partei Anzeigen in Zeitungen und macht Werbung bei Facebook. Nur drei Veranstaltungen organisiert die AfD Frankfurt im gesamten Wahlkampf. Doch ein echter Erfolg sind auch die nicht: Nur rund 120 Menschen sind zur AfD in den Südbahnhof gekommen, der Saal ist bloß zu zwei Dritteln gefüllt. Und statt echter Parteiprominenz steht die unbekannte Spitzenkandidatin der Hessen-AfD auf der Bühne und liest ihre Rede vom Blatt ab.

Das Paradoxe am Erfolg der AfD wird erkennbar, wenn man die Großstadt Frankfurt mit dem Vogtland vergleicht: In Plauen, einem Städtchen im tiefsten Sachsen, strömten kürzlich über eintausend Menschen zu einer Veranstaltung mit Parteichefin Frauke Petry, die AfD wird hier in zwei Wochen wohl erneut ein Traumergebnis erzielen. Der Unterschied zu Frankfurt? Der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt im Vogtland bei 6,3 Prozent.