"Bevor wir anfangen", sagt Michael Kellner, politischer Geschäftsführer der Grünen, "möchte ich ein paar Worte über Petra Kelly sagen". Vor 25 Jahren wurde die Grünen-Gründerin, das politische Gewissen der Partei, getötet. Kellner zitiert aus Kellys Reden über Gerechtigkeit und über Liebe. Ein Zitat aber, vielleicht das passendste für diesen Grünen-Parteitag in Berlin, erwähnt Kellner nicht: "Ich habe gelernt, dass es immer besser ist, ein paar Prozente am Erfolg zu haben als 100 Prozent von nichts."

Seit 2005 waren die Grünen nicht mehr so nah daran, ein paar Prozent der Regierung zu sein. Die Glückseligkeit darüber strahlten sie, noch am Wahlabend, auch aus. Jürgen Trittin forderte die FDP auf, sozialer zu werden, die CSU liberaler und die CDU ökologischer. Man sprach aus der Machtposition, bis sie manchem zu Kopf stieg. Keine 24 Stunden nach den Wahlergebnissen sagte Katrin Göring-Eckhardt vor versammelten Hauptstadtjournalisten, so einen Ministerposten hätten sie ja schon ganz gerne.

Jamaika-Koalition

Jamaika-Koalition

Auf der Karte sehen Sie, in welchen Wahlkreisen eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen eine Mehrheit hätte. Nachdem die SPD nicht mehr für eine große Koalition mit der Union bereitsteht, ist Jamaika die einzig verbleibende Option nach der Bundestagswahl. Auf Länderebene regierte eine solche Koalition von 2009 bis 2012 das Saarland. Seit Juni 2017 stellt Schwarz-Gelb-Grün die Regierung in Schleswig-Holstein. Vor die Wahl zwischen großer Koalition und Jamaika gestellt, sprachen sich 81,7 Prozent unserer Leser für Jamaika aus.

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Koalitionsverhandlungen funktionieren aber so ein bisschen wie Teenager-Dates: Je weniger Interesse einer zeigt, desto interessanter muss er ja sein. Wer sich andient, dessen Verhandlungsposition geht zuschanden. Die Fohlenhaftigkeit der Grünen in den ersten Stunden hat den Preis für eine Koalition mit ihnen gedrückt, sie wirkten wie zur Abholung bereit. Währenddessen verbreitete Lieblingsfeind FDP genau das Gegenteil: Koalition müssen wir nicht. Opposition ist auch gut. Christian Lindner hat sich, statt auf ein Ministeramt zu schielen, erst mal zum Fraktionschef wählen lassen.

Hier auf dem Länderrat, dem kleinen Parteitag der Grünen, am ersten Samstag nach der Wahl, findet die Erkenntnis, dringend den Kurs wechseln zu müssen, ihren Höhepunkt. Und deshalb tönt es hier mittlerweile wie aus einem griechischen Chor: Wir. Müssen. Nicht. Regieren.

"Die Opposition bleibt eine Option"

"Eine Jamaika-Koalition zustande zu bringen", sagt der Parteivorsitzende Cem Özdemir, "ist so, wie als wollte man Borussia und Schalke dazu bringen, ein gemeinsames Stadion zu bauen".

"Wir sind jederzeit bereit, den Tisch zu verlassen", sagt der stellvertretende schleswig-holsteinische Ministerpräsident, Robert Habeck, "wir sind nicht zum Erfolg verdammt".

"Der Ausgang der Gespräche ist offen", sagt die Parteivorsitzende Simone Peter, "die Opposition bleibt eine Option".