Den idealen SPD-Wähler und den idealen CDU-Wähler trennen vier Kilometer, hat der Algorithmus ermittelt. Doch in Berlin ist das eine ganze Welt. Deshalb steht Timur Husein vor cremefarbenen Neubauten: "Ein Block sind hier Eigentumswohnungen, einer Mietwohnungen", sagt der Direktkandidat der CDU in Kreuzberg. Einige Balkone haben ein Glasgeländer und im Erdgeschoss bietet ein Studio mehrsprachigen Musikunterricht für Kinder an. Die andere Welt, das ist eine Wohnsiedlung aus den Achtzigerjahren. Hier steht Cansel Kiziltepe. "Früher waren das mal städtische Sozialwohnungen", sagt die Direktkandidatin der SPD in Berlin-Kreuzberg etwas beschämt. Eine Krähe pickt im Müllcontainer im Innenhof herum und an den Eingängen warnen Zettel der Polizei vor Einbrechern. Die App auf dem Smartphone der Kandidatin vermutet hier potenzielle Unterstützer, genauso wie bei Husein vier Kilometer entfernt. Deshalb werden beide jetzt an den Haustüren klingeln, sich vorstellen und an die Bundestagswahl erinnern.

Zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl machen fast alle Parteien quasi digitalen, von einer App unterstützten Haustürwahlkampf. Vor allem CDU und SPD haben ihre Kampagnen danach ausgerichtet. Eine Woche vor der Wahl kommt die CDU nach eigenen Angaben auf 800.000 besuchte Türen. Die SPD hat an zweieinhalb Millionen Türen geklingelt, heißt es aus dem Willy-Brandt-Haus.

Wer genau sie hinter den Türen erwartet, das wissen deutsche Wahlkämpfer nicht – anders als in den USA, wo der datenbasierte Wahlkampf herkommt und es für einzelne Häuser exakte Wählerprofile gibt. In Deutschland verhindern Datenschutzgesetze, dass die Analysen mit einem Namen oder einer Hausnummer in Verbindung gebracht werden. Deutsche Wähler sind auch skeptischer gegenüber der direkten Ansprache vor der Haustür, hat jüngst eine YouGov-Umfrage ermittelt. Die Meinungsforscher schreiben dem Haustürwahlkampf aber auch viel Potenzial zu. Das hoffen auch die Parteien, denn immer mehr Bürger lassen sich mit ihrer Wahlentscheidung bis zum Schluss Zeit.

Der Algorithmus bleibt geheim

Um die unentschlossenen, aber ihnen nahestehenden Wähler zu finden, kombinieren die Apps von CDU und SPD die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl aus den Stimmbezirken, die nur wenige Straßenzüge umfassen, mit soziodemografischen Daten: Wie hoch die Einkommensverhältnisse sind etwa, der Bildungsgrad nach Schulabschlüssen, die Quoten von Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern, die Anzahl von Eigentumswohnungen und Neubauten oder Autozulassungen. Viele dieser Daten gibt es kostenfrei über die Gemeinden, den Bundeswahlleiter oder das Statistische Bundesamt. Einiges haben die Parteien aber auch dazugekauft: Die SPD verrät nicht, wo, die CDU hat sie bei der Post-Tochterfirma Deutsche Post Direkt erworben.

Die App schlägt den Kandidaten in ihrem Wahlkreis dann Straßen vor, in denen es sich lohnt, an der Tür zu klingeln. Es lohnt sich, wenn das Wahlergebnis 2013 in einem Stimmbezirk knapp war und die Wahlbeteiligung niedrig. Oder weil das Profil der Bewohner einer Straße sie als mögliche Wähler identifiziert. Leben in einer Straße besonders viele Menschen mit geringem Einkommen und ohne Job, könnten sie empfänglich für SPD-Positionen zur sozialen Gerechtigkeit sein. Zum Beispiel. Denn die genauen Parameter des Algorithmus und ihre Gewichtung bleiben geheim.

Die SPD-Kandidatin Cansel Kiziltepe an einem Wahlkampfstand © Hannibal Hanschke/Reuters

Cansel Kiziltepe drückt am ersten Haus der Werner-Düttmann-Siedlung energisch alle Klingeln, um eingelassen zu werden. "Vermutlich sind nicht so viele Leute da", sagt sie. Es ist später Nachmittag, die beste Uhrzeit für den Haustürwahlkampf fängt gerade erst an, noch sind nicht alle Bewohner von der Arbeit zurück. In diesem Gebiet war die Wahlbeteiligung 2013 niedrig, außerdem gilt es als eher SPD-affin. "Wonach das genau ausgesucht wird, weiß ich nicht", sagt Kiziltepe. Ihre App zeigt Straßen in verschiedenen Rottönen an, je nachdem, wie hoch das Wählerpotenzial eingeschätzt wird. "Mein Ziel ist es, mit möglichst vielen Leuten ins Gespräch zu kommen", sagt die SPD-Politikerin. Irgendwann summt der Öffner. Hinter der ersten Tür bellt ein Hund, als Kiziltepe dort noch einmal klingelt. Eine ältere Frau macht auf. "Guten Tag, mein Name ist Cansel Kiziltepe, ich bin ihre Bundestagsabgeordnete. Kennen Sie mich?", stellt sich die 41-Jährige vor. Die Bewohnerin denkt kurz nach: "Hm, ja doch." Wählen gehe sie immer, beteuert sie, als Kiziltepe an die Bundestagswahl erinnert.

Was passiert mit den Daten?

Hinter der SPD-Kandidatin steht der Wahlkampfhelfer Niklas Kossow. Er hält ein rotes Klemmbrett in der Hand, darauf liegt ein Smartphone und darin gibt er die Daten ein: Tür geöffnet? Ja. Kandidatin bekannt? Ja. Wahlabsicht? Ja. Positiv oder negativ zur SPD hat sie sich nicht geäußert. Keine zehn Sekunden später geht die Tür wieder zu. "Es funktioniert nicht, länger ins Gespräch zu kommen", sagt Kiziltepe. "Das Hauptziel ist die Mobilisierung." Etwa 50 bis 60 Türen pro Stunde seien so zu schaffen. Die 41-Jährige und ihr Helfer gehen die Treppe runter ins nächste Stockwerk.

Für Kiziltepe, Husein und die anderen Kandidaten im Wahlkreis 83, Friedrichshain – Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost, geht es bei dieser Wahl um viel. Hans-Christian Ströbele, jahrzehntelang der einzige grüne Direktkandidat im Bundestag, tritt nicht mehr an. Seine Nachfolgerin, die Grüne Canan Bayram, tritt ein schweres Erbe an. Deshalb kommt es auf jeden Wähler an und je eher man die richtigen Wähler überzeugt, desto besser. Die SPD und ihre Kandidatin Kiziltepe hoffen, vielleicht sogar das Direktmandat zu holen, obwohl Ströbele 2013 knapp 40 und Kiziltepe auf Platz zwei nur 18 Prozent der Stimmen bekam. Timur Husein und die CDU sind im alternativen Kreuzberg Außenseiter, noch dazu kandidiert der 36-Jährige zum ersten Mal für den Bundestag. 20 Prozent peilt er trotzdem an, sagt Husein: "Ströbele ist weg, Frau Merkel ist beliebt, Deutschland geht's gut und ich bin ein guter Kandidat."

Am Hauseingang des Neubaus in der Kreuzberger Flottwellstraße hat der großgewachsene Mann mit blauem Hemd und schwarzer Funktionsjacke freundlich in die Kamera über den Klingeln gelächelt und wurde eingelassen. Die CDU-App Connect17 zeigt die sogenannte Potenzialanalyse von Straßen in Grüntönen an, und hier hat sie "dunkelgrün geblinkt". Die Bewohner hier sind also laut Algorithmus besonders empfänglich für CDU-Positionen. "Das wird Spaß machen, sieht schön aus hier", sagt der Jurist. Zuerst gehen Husein und sein Wahlkampfhelfer Jan Thomas Alter zu der Bewohnerin, die ihnen unten die Tür geöffnet hat. "Ich hab' schon gewählt", sagt die junge Frau. "Aber ich hätte ja auch nicht jedem aufgemacht." Husein grinst verschwörerisch. "Ich frage jetzt mal nicht, was sie gewählt haben", sagt der Kandidat. Zum Abschied überreicht er noch einen Kuli.

Wähler können nicht widersprechen

Auch seine Gespräche an der Tür dauern meist höchstens eine halbe Minute. Huseins Helfer Alter tippt auf dem Smartphone den lächelnden Smiley in der App an – Meinung zur CDU positiv, heißt das. Dazu noch das Geschlecht und das ungefähre Alter. Ob die Wahlkämpfer die Bewohner als negativ, neutral oder positiv einordnen, obliegt ihrem eigenen Urteil. "Aber wir wären ja blöd, wenn wir uns da belügen würden", sagt Husein.

Auch wenn eine positive oder negative Einstellung zur CDU nur im Zusammenhang mit dem Straßennamen gespeichert wird, ohne Rückschlüsse auf die genaue Hausnummer oder einen Namen am Klingelschild – die Wähler können nicht widersprechen, dass sie zur Datensammlung der Parteien beitragen. Wenn ihnen nicht auffällt, dass einer der Wahlkämpfer auf dem Handy rumtippt, merken sie es nicht einmal.

Das ist auch der Grund, warum laut eines MDR-Berichts Datenschutzbeauftragte die CDU-App connect17 aktuell überprüfen: Welche Daten werden genau erhoben, wer hat Zugriff und was passiert mit ihnen, wollen die Datenschützer wissen. Kritiker fürchten den gläsernen Wähler, auch wenn der aktuell noch relativ undurchsichtig erscheinen mag. Aber je öfter die Parteien den digitalen Haustürwahlkampf einsetzen, desto präziser wissen sie, wo ihnen zugeneigte Unentschlossene zu finden sind.

"Über Art und Umfang einer etwaigen Nutzung der Erkenntnisse aus den Wahlkämpfen mit der Connect17-App ist noch nicht entschieden", teilt die CDU-Zentrale mit. Die SPD wertet die Ergebnisse bereits kontinuierlich aus: "Wir sehen, dass insbesondere die Themen Renten und Bildung an den Türen am häufigsten genannt werden. Außerdem sind noch circa 50 Prozent der Befragten an den Türen unentschlossen und können sich vorstellen SPD zu wählen. Diese werden in der Schlussphase noch einmal gezielt angesprochen und zur Wahl mobilisiert", teilt ein SPD-Sprecher mit. Der SPD-Parteivorstand habe ein eigenes Analyse-Team, das die Ergebnisse auswerte und Empfehlungen für die Kampagnenleitung auf der Datengrundlage erarbeite. 

Besuch in der Filterblase

Cansel Kiziltepe ist im nächsten Haus angelangt. Hier gibt es keinen Aufzug, sie ist ein bisschen außer Atem vom Treppensteigen. Die Ökonomin rückt ihren blauen Blazer zurecht und streicht sich die dunklen Locken zurück, bevor sie an der Tür mit dem Aufkleber "Mut gegen rechte Gewalt" klingelt. Eine Frau macht auf, ihr Mann kommt dazu, Kiziltepe unterhält sich auf Türkisch mit ihnen. Danach hat sie zwei Stimmen gewonnen: Beide wollen SPD wählen, hatten den Wahltermin aber nicht mehr auf dem Schirm. Als sie die Treppe wieder runtergeht, schließt ein junger Mann gerade seine Wohnungstür auf. "An die Tür kommen ist ein bisschen viel", sagt er verärgert, als ihn die SPD-Kandidatin anspricht. "Da hätte ich gerne meine Privatsphäre."

Wirklich negative Reaktionen seien trotzdem selten, sagen beide Kandidaten. Genauso wie intensive Debatten oder eine Einladung in die Wohnung. "Das ist einfach nicht das Konzept hinter dem Haustürwahlkampf", sagt Husein. Erfolgreich ist der Besuch für beide Kandidaten, wenn die Hausbewohner nicht die Tür sofort wieder schließen und den Flyer nehmen.

Und manchmal ein Mitgliedsantrag

Die Wahlkampf-App der CDU gilt als umfangreichste, es gibt sogar einen "Gaming-Aspekt", wie Wahlkampfhelfer Alter sagt. Eine Rangliste zeigt, wer an wie vielen Türen geklingelt hat. Die fünf aktivsten Nutzer einer Woche ruft Angela Merkel an. Husein sagt, er habe es schon auf Platz drei geschafft. Im stickigen, fensterlosen Neubau-Flur steht er vor der nächsten Tür. "Guten Tag, Timur Husein, ihr CDU-Bundestagskandidat", setzt er an, als sich die Tür öffnet. Ein schwarzer Hund läuft hinaus, der Bewohner aber schüttelt den Kopf und schließt die Tür wieder. "Negativ", sagt Husein zu Alter.

Nach rund einer Stunde haben Cansel Kiziltepe und ihr Wahlkampfhelfer Niklas Kossow an 43 Türen geklingelt. "Ein durchschnittlicher Tag", sagt Kossow. Ein anderes Team hat einen ausgefüllten SPD-Mitgliedsantrag eines Anwohners von der Tür-zu-Tür-Aktion mitgebracht. Auch das passiert manchmal beim Haustürwahlkampf. Timur Husein und sein Helfer Jan Thomas Alter haben 36 Türen geschafft. "Am Anfang war ich auch nicht überzeugt, dass es eine gute Idee ist, zu den Leuten zu gehen", sagt Husein. "Aber für uns als Diaspora in Kreuzberg ist das noch mal eine neue Art, um Wähler zu erreichen."

Beide sind zufrieden mit ihrem Haustürwahlkampf an diesem Tag. Beide haben sich aber auch an Orte bewegt, die man als ihre analoge Filterblase bezeichnen könnte. Hier die Gutverdiener in modernen Neubauten, da die kleinen Leute im großen Wohnkomplex. "Das Klischee muss ich widerlegen", sagt Husein. "Wir gehen auch in die Arbeitersiedlung." Weil sein CDU-Kreisverband in Kreuzberg so klein sei, könnten sie nicht überall klingeln. Deshalb konzentrierten sie sich eben auf die Straßen, wo die Erfolgsaussichten laut App hoch sind. Am Sonntag wissen er und seine SPD-Konkurrentin Cansel Kiziltepe, ob der Algorithmus richtig lag. Und ob sie an den richtigen Türen geklingelt haben.