Eins ist sicher: Wer auch immer dieses Duell gewonnen hat – der deutsche Journalismus war es nicht. Gefühlte 90 Prozent aller Fragen der vier Moderatoren waren irgendwie rückwärtsgewandt, angstgesteuert und vorwurfsvoll.

Es ist eine Sache, Kanzlerin Angela Merkel hart für ihre Entscheidungen in der Flüchtlingskrise zu befragen, eine andere ist es, die gesamten Ereignisse der vergangenen zwei Jahre und Migration überhaupt als eine einzige "Bedrohung für die deutsche Gesellschaft" abzuhaken – als wären nicht die allermeisten Deutschen zumindest ambivalent gegenüber Flüchtlingen und Zuwanderern: ein bisschen hilfsbereit, ein bisschen ratlos, jedenfalls nicht einfach nur Opfer. 

Gegen dieses permanente Horrorszenario konnten die Bundeskanzlerin und ihr Herausforderer Martin Schulz gar nicht anders, als zusammenzustehen. Dass man den größten Teil der Zeit das Gefühl hatte, einer Zeremonie beizuwohnen, die in den USA renewing the vows heißt – eine Auffrischung des Eheversprechens von Langvermählten – ist daher kein Zufall. Keiner von beiden wurde während des zähen Ringens in die Verlegenheit gebracht, eine Idee zu entwickeln, wo es jetzt mal so hingehen könnte mit Deutschland.

So etwas Macron-haftes, das wäre schön gewesen. Man kann sich doch nicht 90 Minuten lang damit über Wasser halten, dass praktisch überall anderswo Politiker weniger seriös und vernünftig sind als hierzulande. "Geht das so lange, bis einer heult, oder bis wann geht das?" fragte unsere Jüngste etwa auf halber Strecke des TV-Duells.

Und trotzdem wird einiges hängenbleiben. Dass ausgerechnet eine CDU-Kanzlerin sich gezwungen sieht, gegen einen Abbruch der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu plädieren, während Martin Schulz – im Gegensatz zum eigenen Außenminister – auf harte Konsequenz pocht ("Die einzige Sprache, die Erdoğan versteht"), davon wird noch viel die Rede sein.

Es ist Schulz durchaus gelungen, Merkel an einigen Punkten aus der Reserve zu locken: gerade bei Konzessionen an die CSU, die sie ganz offenkundig völlig beknackt findet – Maut, Rente mit 70 – da kann sie schon mal kiebig werden. Das war es dann aber auch schon, die Runde verlor sich weitgehend im Klein-Klein. Was haben Zuschauer während der Sendung gegoogelt: die Kapelle, in der Angela Merkels Vater begraben liegt – und das Grab von Frank Schirrmacher. Es wird Herbst.