Die SPD steht bei 20 Prozent, und es wird laut. "Ihr müsst doch bekloppt sein", erregt sich der behelmte Mittfünfziger, der sein Fahrrad gerade am Wahlkampfstand der Linken im Leipziger Zentrum gestoppt hat. "Vier Jahre habt ihr immer gegen die SPD geholzt, und jetzt erwartet ihr, dass wir mit euch koalieren!", brüllt er über den Tisch, Spucke fliegt. "Wir" – der Mann ist offenkundig Sozialdemokrat. "Ihr seid doch selber schuld!", keilt der Standbetreuer von den Linken zurück. "Ihr habt doch mit FDP und den Grünen …", er meint Martin Schulz' verbale Gedankenspiele in Richtung Ampel-Koalition. Der Radfahrer flucht weiter, Beleidigung liegt in der Luft. "Noch so einen Satz, und ich rufe die Polizei!", warnt der Linke. Da tritt der Mann schon wieder in seine Pedale.

Es ist nur eine Umfrage, aber 20 Prozent wären sechs Punkte weniger als bei der Wahl 2013. Da kann ein Sozialdemokrat schon mal die Contenance verlieren. Geschieht kein Wunder, müssen nach der Bundestagswahl viele Abgeordnete das Parlament verlassen, ihre Mitarbeiter werden arbeitslos.

Mit diesem Lauf der Dinge finden sich gerade alle ab: Merkel wird am Sonntag gewinnen. Ihre Ablösung, der Machtwechsel, das erhoffte Linksbündnis aus SPD, Linkspartei und Grünen – bei zusammen höchstens 40 Prozent ist das alles Fantasterei. Es geht nur noch um die Frage, wer hinter der SPD Platz drei erringt: die Neulinge von der AfD, die FDP oder die Linke. Die Grünen dürften das Schlusslicht bilden.

Jung sind hier nur die Wahlkampfhelfer

Wie es aussieht, wird die Linke zwar besser abschneiden als 8,6 Prozent – das Ergebnis  von 2013. Und das, obwohl der Liebling der Ost-Linken, Gregor Gysi, jetzt nur noch Chef der Europäischen Linken ist. Er tritt nur gelegentlich im Wahlkampf auf. Doch die Linke wird weiter in der Opposition sein. Da hilft auch nicht, dass in Umfragen Rot-Rot-Grün nach der großen Koalition das zweitpopulärste Regierungsbündnis wäre.

Die Linken-Führung hat die Schuldigen für diese Lage bereits ausgemacht: die SPD, die sich mit ihrem Spitzenkandidaten nicht von Merkel abhebe, die SPD, die sich im Wahlkampf der FDP angedient habe, statt linkssoziale Politik anzubieten. Und die Grünen, die sich für ein schwarz-grünes Bündnis offen hielten. Der Eigenanteil der Linken daran wird nur bei genauerem Hinschauen erkennbar.

Eines ihrer zentralen Probleme zeigt sich in Kleinstädten wie Bitterfeld in Sachsen-Anhalt: Auf den Bierbänken vor der mobilen Wahlkampfbühne der Linken sitzen 15 Leute mittleren Alters, etwa 30 stehen auf Distanz. Es gibt starken Kaffee, Bier und "Rote Nudeln" für einen Euro in der Plastikschale. Auf der Bühne singt ein Unterhaltungsduo Schlager im Halbplayback – der Sänger ist Fraktionschef im Stadtrat, ein älteres Paar erhebt sich von der Bierbank und dreht sich im Tanz. Jung sind hier nur die Wahlkampfhelfer. In Bitterfeld zeigt sich die herkömmliche Linke: Ihre stärkste Wählergruppe in Ostdeutschland besteht aus Menschen ab 60 Jahre aufwärts. Es wird schwer, in Ostdeutschland das Wahlergebnis von 20 Prozent zu halten.

Am Mikrofon geht es um die drei R: Rente, Reichtum, Rüstung – und gegen Leiharbeit und Privatisierungen. Und Milliardäre, die nur durch Ausbeutung reich würden, darunter BMW-Erbin Susanne Klatten, "die ihre Dividende leistungslos einsackt". Da läuft Dietmar Bartsch zur Hochform auf: "Ich habe jetzt verstanden, warum das im Fußballstadion 'Bandenwerbung' heißt", wenn die Produkte großer Konzerne am Spielfeldrand gezeigt würden, ruft der Spitzenkandidat der Linken über den Platz. "Es sind Banden, meine Damen und Herren." Das kommt an.

Doch selbst der beste Kalauer täuscht nicht darüber hinweg: Auch innerparteilich stehen der Linken Diskussionen ins Haus, Strategiedebatten werden folgen. Denn mit ihrer Haltung zu Russland und ihrem unsteten Auftreten hat die Partei Akzeptanz verspielt. Heftig reagierten Sozialdemokraten, als sich beim Parteitag der Linken im Sommer die Russlandfreunde durchsetzten und verhinderten, dass die Annexion der Krim und der von Russland geförderte Krieg in der Ostukraine als Völkerrechtsbrüche verurteilt wurden. "Die Außenwirkung war fatal", sagt Parteivize Caren Lay. Hinzu kam das Hickhack um die Staatskirchenverträge: Am Abend stimmte der Parteitag dafür, sie zu kündigen, am Morgen war vielen Linken möglicherweise klar geworden, dass die Kirchen ein wichtiger Partner in der Flüchtlingskrise sind – der Beschluss wurde revidiert.

"Mit Russland im Gespräch bleiben"

Ein Unfall, sagt der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken, selbst bekennender Christ. "Die Kirchen derart zu brüskieren, war unklug." In der Frage nach Krim und Putin ziehen Linkspolitiker schnell eine Parallele zum Kosovo-Krieg: "Die Annexion der Krim war völkerrechtswidrig. Ich würde sie immer verurteilen", sagt der Bitterfelder Direktkandidat Jan Korte. Dann aber hätte man auch die Beteiligung Deutschlands am Kosovo-Krieg verurteilen müssen, Ramelow sieht das genauso. Doch es geschah nicht. Beide sind dafür, "mit Russland im Gespräch zu bleiben", von einer "Notwendigkeit schon aus historischen Gründen", spricht Korte.

Innerparteilich sieht Ramelow Gesprächsbedarf. "Über das Verhältnis zu Russland und der Ukraine haben wir bisher nicht ausreichend diskutiert." Er schließt auch die Haltung der Linken zur Nato mit ein: Auflösen, hatte der Parteitag in seinem Wahlprogramm beschlossen, und ersetzen durch ein neues Bündnis, an dem Russland beteiligt sein soll. Ramelow ist das nicht klar genug: "Es wird nicht erkennbar, was unsere Idee für eine europäische Sicherheitsarchitektur unter Einbeziehung Russlands und der Ukraine ist", sagt er. "Die Partei muss ihre Haltung zu Russland endlich ausdiskutieren."