"Martin, Du geile Sau" – fast acht Monate ist es her, dass junge Sozialdemokraten das gerufen haben. Damals, Anfang Februar, steht die SPD nach der überraschenden Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten in den Umfragen bei bis zu 31 Prozent. Die Genossen fassen es kaum: Die Union erscheint schlagbar. Angela Merkel wirkt uninspiriert neben dem gut gelaunten bisherigen Europapolitiker, der die deutsche Sozialdemokratie jäh aus ihrer depressiven Erstarrung gerissen hat.

Der Schulz-Hype nimmt in diesen Tagen schon fast absurde Züge an. "Manche Leute haben das regelrechte Bedürfnis, ihn anzufassen, wenn sie ihn treffen, weil er so nahbar ist", erzählen SPDler damals. Martin Schulz ist von einem Tag auf den anderen zum Popstar geworden. "Es geht ein Ruck durch die SPD. Es geht ein Ruck durch das ganze Land. Wir wollen und werden diese Aufbruchstimmung nutzen", ruft Schulz Ende Januar bei seiner ersten Rede unter der Büste von Willy Brandt in der Berliner Parteizentrale. Die SPDler erheben sich von ihren Plätzen. In den sozialen Medien ist die Rede vom "Gottkanzler" im "Schulzzug", schon fast eingefahren ins Kanzleramt. "Wenn Martin Schulz ins Wasser springt, wird er nicht nass. Das Wasser wird sozialdemokratisch", twittert ein Fan.

Auch heute, Ende September, sagt Schulz, dass er Kanzler werden will. Im Wahlkampfendspurt, auf den Marktplätzen in Gelsenkirchen, Freiburg, Braunschweig oder in Postdam ruft er einen Satz, immer und immer fort: "Deutschland kann mehr, wenn ein Sozialdemokrat Bundeskanzler ist." Manchmal, wenn er gut aufgelegt ist, hebt Schulz am Ende seiner Rede beide Hände zum Victory Zeichen und strahlt in die Kameras. Aber es ist nicht mehr wie vorher.

"Nä, wat für Analysen"

Nach wie vor ist er ein klassischer Sozi, fordert mehr Respekt für die kleinen Leute, sichere Renten, gleiche Bezahlung von Mann und Frau, besser ausgestattete Schulen. Endlich kehre die Sozialdemokratie zurück zu ihren Wurzeln, hieß es Anfang des Jahres. Heute schreiben Kommentatoren, Schulz habe sein Thema nicht gefunden. 

In der öffentlichen Wahrnehmung ist aus dem Held der Enttäuschten am Ende des Wahlkampfs ein langweiliger Großkoalitionär geworden. Dabei ist er in all den Monaten eigentlich immer derselbe gewesen: Ein Politiker mit rheinischer Fröhlichkeit und bemerkenswerter Nahbarkeit.  Ein Mann, der sich ärgert, wenn Journalisten ihm den "Charme eines Eisenbahnschaffners" unterstellen: "Nä, wat sind dat für tiefschürfende Analysen", ruft Schulz in seinen Wahlkampfreden, die Menschen lachen. Er ist in diesen Momenten einer von ihnen, einer mit Glatze und unauffälliger Brille. Einer, der Anzüge von der Stange trägt, der kein Draufgänger wie zum Beispiel Gerhard Schröder ist. Einer, der inzwischen ebenfalls Respekt für sich und seine Leistung einfordern muss.

Der Schulz-Hype ist lange vorbei. Wenige Tage vor der Bundestagswahl liegt die SPD in den guten Umfragen bei 24 Prozent, in den schlechten bei 20 – ein solches Ergebnis am Wahlabend wäre ein historischer Tiefstand für die Sozialdemokratie.

Auf den Marktplätzen ist Stimmung ebenfalls verhalten. "Klingt alles gut, aber ob er das umsetzen kann?", sagt der Bratwurstverkäufer bei einer Kundgebung von Schulz in Braunschweig und zuckt mit den Schultern. "Meine Prognose", meint ein Hotelbesitzer in Potsdam, der dem Kanzlerkandidaten durchaus interessiert zuhört, "ist eine neue Große Koalition. Da ändert sich nix."

Überstürzte Nominierung

Die Geschichte der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz ist auch eine der verpassten Chancen. Schulz hat im EU-Parlament 13 Jahre lang Außenpolitik gemacht. Als Parlamentspräsident pfiff er auf die angeblichen Grenzen seiner Zuständigkeit, er mischte einfach überall mit. Im Bundestagswahlkampf aber verlässt er das klassische SPD-Programm nie, formuliert keine aufregenden, neuen oder anstößigen Visionen à la Emmanuel Macron oder Jeremy Corbyn. Nicht auf dem Feld der Außenpolitik und schon gar nicht auf dem der Innenpolitik, in das er sich sowieso erst einarbeiten muss: Schulz treibt das Thema soziale Gerechtigkeit zwar ehrlich um. Aber seine Forderungen wirken oft  überraschend alt. Zum Teil – Stichwort Abschaffung befristeter Arbeitsverträge – stammen sie aus dem Wahlkampf 2013.

Der lange Niedergang der Schulz-Kampagne beginnt kurz nach seiner Nominierung. Während die Union schon monatelang an ihrem Wohlfühlwahlkampf für Angela Merkel gefeilt hat, muss der frisch nominierte SPD-Vorsitzende Schulz erst mal die Partei und deren Berliner Zentrale und Mitarbeiter kennenlernen. Bis zuletzt waren auch führende Genossen schließlich davon ausgegangen, dass der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel Kanzlerkandidat wird. Gabriel habe mit seiner einsamen Entscheidung, Schulz das Amt zu übertragen, mal wieder Chaos hinterlassen, heißt es von verschiedenen Stellen.

Schulz und seine Leute beginnen Ende Januar also Themen zu sondieren: Welche Inhalte treiben potenzielle Wähler um? Der Findungsprozess ist in den kommenden Wochen quasi live zu beobachten – zum Nachteil der SPD.