Keine zwölf Stunden nach dem TV-Duell schunkelt sich Martin Schulz zu Blasmusik durch ein Volksfest in Niederbayern. Der Wahlkampf läuft: Auf der Bühne der Gillamoos-Wiese in Abensberg begrüßt ihn der SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Flisek als "Mann, der klare Kante gezeigt hat". Das Zusammentreffen von Schulz und Angela Merkel am Vorabend, so Flisek, sei eine "richtig gute Grundlage für die letzten drei Wochen" bis zur Bundestagswahl.

Tatsächlich hat Schulz gekämpft bei seinem Fernsehauftritt vor Millionen zum Teil noch unentschiedenen Wählern. Er machte seine Ankündigung wahr, Merkel inhaltlich festlegen zu wollen – und schaffte dies auch bei der Rente mit 70. Außerdem rang er der Kanzlerin das Versprechen ab, im Kreis der europäischen Regierungschefs ein Ende der EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei zu diskutieren. Ganz nebenbei wies Schulz auch darauf hin, dass das Bundesland mit der höchsten Kriminalitätsrate ein CDU-regiertes ist. Schmerzhaft ist das für die Union, die selbst erklärte Partei der Inneren Sicherheit.

Doch die Fragen der Moderatoren, die sich vor allem um Außenpolitik und die Flüchtlingskrise drehten, machten es dem Kanzlerkandidaten schwer, weitere Unterschiede zu Merkel herauszuarbeiten. Wie soll er sie denn auch beim Thema Nordkorea angreifen? Bei solchen existenziellen Krisen müsse man zusammenhalten, den kühlen Kopf behalten, hatte Schulz schon lange vor dem TV-Duell gesagt. Und was soll er auch machen in der Flüchtlingspolitik, in der er die CDU-Kanzlerin am Sonntagabend für ihre Alleingänge in Europa kritisierte, sie aber nur lächelnd auf die Regierungsbeteiligung der SPD verwies? Mitgefangen, mitgehangen.

Das war nicht das einzige Problem an diesem viel kommentierten Sonntagabend: Schulz war seine Nervosität anzumerken, manchmal stockte er sekundenlang, bevor er eine Frage beantwortete oder ein Zitat vorbrachte, das er sich doch extra für die Live-Übertragung  zurechtgelegt hatte. So was zahlt nicht ein aufs Konto Kanzlerkompetenz. 

Die AfD könnte profitieren

Immerhin habe er sich etwas Neues überlegt, sagen seine Verteidiger, so als er beispielsweise im etwas zäh vorgetragenen Schluss-Statement auf die Einkommensungleichheit zu sprechen kam: Darauf, dass die Krankenschwester in 60 Sekunden weniger als 40 Cent verdiene, ein Spitzenmanager eines Großkonzerns aber 30 Euro. Und Merkel nur in der für sie typischen leicht mütterlichen Art mitteilte: Gemeinsam schaffen wir die Digitalisierung.

Schulz hatte die Kanzlerin am Sonntagabend durchaus aus der Ruhe gebracht. Mehrfach folgte Merkel dem Impuls, sich ausführlich rechtfertigen zu müssen für ihre Flüchtlings- und Integrationspolitik. Das ist Schulz' Verdienst. Trotzdem ergaben die Umfragen nach dem TV-Duell einen leichten Punktsieg für die Kanzlerin, die nach Ansicht der befragten Bürger kompetenter und glaubwürdiger, faktenkundiger sowie sympathischer gewirkt habe.

Nicht schön für die SPD, die doch so hohe Hoffnungen in diesen Abend gesetzt hatte. Sie hält sich daran fest, dass mehr als die Hälfte der Wähler ebenfalls sagte, Schulz habe besser abgeschnitten, als sie erwartet hatten.

Viel gefährlicher als Ad-hoc-Umfragen ist für die Partei aber die allgemeine, schon länger andauernde Empfindung, dass die Bundestagswahl bereits gelaufen und Merkel schon heute deren Siegerin ist. Die Wähler sind kaum aus dem Sommerurlaub zurück – und beginnen schon, sich abzuwenden. 

Sie drohen sich entweder ganz aus der Politik zurückzuziehen, was fatal wäre für die Wahlbeteiligung. Oder eben sich auf die kleineren Parteien zu konzentrieren, die von sich behaupten können, dass sie den Unterschied nach der Wahl ausmachen. Davon könnte die AfD profitieren, die sowieso alles schlecht findet, was die etablierte Politik ausmacht und jeden Konsens unter Demokraten als  "System" und "Parteienkartell" diffamiert. Die Rechtspopulisten profitieren davon, dass Merkel und Schulz im TV-Duell eher wirkten wie gute großkoalitionäre Partner, die nur dann und wann mal eine kleine  Meinungsverschiedenheit haben. Nicht wie Gegner.

Doch auch die Grünen, die Linken und die FDP versprechen sich Erfolge von der größtenteils vernichtenden Rezeption des Duells. Dies sind im Spätsommer 2017 wichtige Fragen: Wer von diesen Dreien schafft es in die Bundesregierung? Mit welchen Folgen für das Land?