"Darf ich was sagen", fällt Martin Schulz der Moderatorin Sonia Mikich ins Wort, die eigentlich gerade das Ende der Sendung Wahlarena in der ARD einleiten wollte. Der Kanzlerkandidat der SPD hat während seines letzten großen Live-TV-Auftritts vor der Bundestagswahl noch eine wichtige Botschaft loszuwerden: "Sowas wie hier müssten Bundeskanzler einmal im Monat machen", sagt Schulz und meint den Dialog mit den Bürgern vor einem Millionenpublikum.

In der SPD-Kampagne mag man solche Wahlkampfformate sehr. Hier, glauben die Strategen, sei der Unterschied zwischen der aus ihrer Sicht so abgehobenen Kanzlerin und dem Herausforderer am besten herauszuarbeiten. Für die Wahlarena werden 150 von Umfrageforschern repräsentativ ausgewählte Bundesbürger in ein TV-Studio nach Lübeck eingeladen, sie dürfen den Kandidaten Fragen stellen und bilden dabei "Deutschland im Kleinen" ab, wie die Moderatoren betonen.

Vergangene Woche war die Kanzlerin dran und hatte sich – für ihre zurückhaltende Art – nicht schlecht geschlagen. Doch Schulz ist an diesem Montagabend noch ein bisschen besser. Unverkrampft steht er im Studio, trägt knallrote Krawatte; die Anstrengung des für die SPD besonders zermürbenden Wahlkampfes ist ihm nicht anzumerken.

"Denken Sie am 24. September an mich"

Er hat es auch nicht sonderlich schwer an diesem Abend: Anders als im viel kritisierten TV-Duell geht es um Themen, mit denen die SPD leicht einen Unterschied zur Union aufzeigen kann. Er wolle die Mietpreisbremse verschärfen, sagt Schulz gleich zu Beginn zu einer jungen Frau, die bedauert, dass sie für ihre Familie in Darmstadt kaum noch bezahlbaren Wohnraum finde. Eine schwarz-gelbe Bundesregierung werde nach der Wahl Mietspekulation eher noch befördern, warnt der Kandidat.

Einer Abiturientin aus Norddeutschland verspricht Schulz mehr Investitionen in Schulen, und einem älteren Mann mehr Chancen für ältere Langzeitarbeitslose ("Wir geben einen Mittfuffziger nicht auf").  Selbstredend fordert er mehr Attraktivität für Pflegeberufe ("einen kompletten Neustart") und sichere Renten. Auch hier werde eine mögliche schwarz-gelbe Bundesregierung eher das Gegenteil bewirken. "Denken Sie am 24. September an mich, dann kann ich Ihnen auch helfen", sagt Schulz mehrfach in der Sendung und lacht über seine unverhohlene Eigen-Wahlempfehlung.

Doch der Kandidat, dessen Partei in Umfragen bekanntlich weit hinter der Kanzlerinnen-Union liegt, traut sich auch zu widersprechen. Zum Beispiel Kurt Koch, einem älteren Herrn, der von ihm wissen will, wie er Deutschlands "riesigen Schuldenturm" abbauen wolle. "Wir müssen beides tun, investieren und Schulden tilgen", sagt Schulz und kommt im Laufe des Abends noch häufiger auf "den Herrn Koch" zurück, nämlich immer dann, wenn es um marode Schulen oder schlechte Busverbindungen geht. Da müsse der Staat nun mal einfach mehr Geld ausgeben, sagt Schulz.

Die Gelegenheit auskosten

Nicht immer antwortet er exakt auf die Fragen – so hatte sich die Darmstädterin eigentlich auch über die hohe Grunderwerbsteuer für Hausbauer erkundigt. Der Kandidat spricht stattdessen lieber über die Mietpreisbremse und andere wohlklingende SPD-Ideen. "Wir sind ja schon fast einmal durch durchs Parteiprogramm", merkt Moderator Andreas Cichowicz schon im ersten Drittel der Sendung ironisch an. 

Die SPD hat sich wenige Tage vor der Bundestagswahl fest vorgenommen, diese Gelegenheit zur Profilierung voll auszukosten. Mehr als jeder dritte Wähler hat sich Umfragen zufolge noch nicht festgelegt. So eine Sendung vor Millionenpublikum – die letzte Wahlarena mit Angela Merkel hatte etwa drei Millionen Zuschauer – kann wichtige Prozentpunkte bringen. Und wer hätte das gerade dringender nötig als die schon zum Verlierer abgestempelten Sozialdemokraten?