Wenige Tage nach dem bemerkenswerten Ausgang der Bundestagswahl hat die Republik ein neues Erregungsthema. Es geht um Wortwahl und Stil in der Politik und um das, was nach Ansicht mancher in der parlamentarischen Auseinandersetzung gesagt werden darf. Und was nicht.

Jüngster Anlass ist der lockere Spruch der neuen Oppositionsführerin Andrea Nahles, die Union bekomme von ihr und der SPD ab sofort "in die Fresse". Das war erkennbar frotzelnd gemeint. Im Kabinett sollen auch die Unionsminister gelacht haben.

Die Empörung ist seitdem groß. Darf eine Ex-Ministerin, Ex-Juso-Vorsitzende und Mutter einer kleinen Tochter sich so ausdrücken? Ihr wird vorgeworfen, eine politische Grenze überschritten zu haben. Oder zeugt der Spruch von "schlechter Kinderstube", wie ausgerechnet das frühere Springer-Revolverblatt Berliner Morgenpost monierte, das zusammen mit der Bild-Zeitung führend in der Abteilung Attacke unter der Gürtellinie ist.

Nichts von dem. Beides, die Regierung scharf zu attackieren und sie vor sich her zu treiben, ist jedoch eine Kernaufgabe der Opposition. Über Wortwahl kann man bekanntlich streiten wie über Geschmack. Die Demokratie in Deutschland hat aber in den vergangenen Jahren nicht unter verbaler Verrohung gelitten, sondern unter dem Gegenteil: zu viel Konsens, zu wenig Opposition, zu enge Grenzen des politisch Erlaubten.

Dasselbe gilt übrigens auch für AfD-Chef Gauland. Es ist albern, ihm Gewaltgelüste zu unterstellen, nur weil er als Vorsitzender der künftig zweitgrößten Oppositionsfraktion angekündigt hat, die Regierung "jagen" zu wollen. Verurteilen muss man ihn wegen seiner rassistischen Aussprüche. Aber doch nicht dafür, dass er seine Oppositionsrolle ernst nimmt! Wie Nahles auch.

Arschloch, Ratten, Hodentöter

Früher ging es übrigens wesentlich rauer im Bundestag zu. Da nannte ein gewisser Joschka Fischer, später grüner Außenminister und früher mal Steinewerfer, den Parlamentspräsidenten ein "Arschloch". Auch Franz Josef Strauß ("Ratten und Schmeißfliegen") und Herbert Wehner ("Übelkrähe", "Hodentöter") schenkten sich nichts. Ebenso wenig wie der unlängst verstorbene frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler. Das war nicht nur amüsant, sondern demonstrierte politische Leidenschaft und Charakter. Daran ist auch heute nichts falsch. Es fehlt vielmehr.

Schade, dass sich Nahles jetzt ausgerechnet via Bild-Zeitung, dem Blatt für die schärfste Attacke, entschuldigt hat. Bremsen lassen sollte sie sich von den scheinheiligen Pharisäern nicht.