ZEIT ONLINE: Was heißt für sie heute noch links?

Stegner: In den großen Fragen, Frieden, Gerechtigkeit, Gesellschaftspolitik, ist links das, was Willy Brandt gesagt hat: das Leben der Menschen besser machen. Ich bin zum Beispiel entschiedener als andere in meiner Partei dafür, dass wir keine Waffen in Diktaturen und Krisengebiete exportieren. Und ich habe keinen Schiss davor, Geld bei den Reichen und Besserverdienenden zu holen. Es muss doch jemanden geben, der die Stammwähler bei der Stange hält und inhaltliche Angriffe fährt. Wer soll das sonst tun?

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet Sie von Sahra Wagenknecht von der Linken?

Stegner: Ein großer Unterschied ist: Wir wetteifern mit denen nicht um die Höhe von Sozialtransfers. Mein Ziel ist, dass Menschen keine Hilfe brauchen, sondern von ihrer Arbeit leben können. Das ist für mich auch eine Frage der Menschenwürde. Aber wenn Sozialleistungen gebraucht werden, müssen sie natürlich ausreichen. Hinzu kommt: Wir sind keine Populisten. In der Flüchtlings- und Europapolitik bedient Wagenknecht fremdenfeindliche und nationalistische Ressentiments.  

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben Sie vor der Wahl in Schleswig-Holstein Rot-Rot-Grün nicht ausgeschlossen, und Sie tun es auch jetzt nicht.

Stegner: Mir ist Wagenknecht genauso unsympathisch wie CSU-Generalsekretär Scheuer. Koalitionen macht man, weil man es muss, nicht aus Leidenschaft für eine andere Partei. Nur Trottel schließen vor der Wahl irgendwas aus. Wir haben eine Verantwortung unseren Wählern gegenüber. Die wollen, dass wir unsere Politik umsetzen können und schenken uns dafür ihre Stimme. Wenn wir Rot-Rot-Grün ausschließen, sagt FDP-Chef Lindner morgen: "Ampel – mit mir nicht!" Dann bleibt für uns nur noch entweder wieder Juniorpartner unter der CDU zu werden oder Opposition. Dann ist die SPD in derselben Sekunde tot, denn eine solche Partei ohne maßgebliche Regierungsperspektive wählt niemand – jedenfalls nicht viele.