Spitzenpolitiker der Opposition im Bundestag sowie der FDP haben sich nach dem TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz enttäuscht geäußert. "Über 60 Minuten TV-Duell – Nix zu Klima, nix zu Bildung, nix zu Digitalisierung. Wann geht's eigentlich mal um die Zukunft?", twitterte Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir nach der Sendung am Sonntagabend.

"Das war kein TV-Duell, sondern 90 quälende Minuten GroKo-Therapiegespräch", schrieb ebenfalls auf Twitter Linken-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch. Er sprach von "kaum erträglicher Merkel-Schulz-Konsens-Soße". Linken-Parteichef Bernd Riexinger beklagte, dass sozialpolitische Themen kaum zur Sprache gekommen sind. Für seine Co-Vorsitzende Katja Kipping sind "Rechtspopulisten und die Kapitalseite" die wirklichen Gewinner dieses Duells. "Themen, von denen ich weiß, aus dem direkten Gespräch mit Menschen, die wirklich die Leute umtreiben, sind so gut wie gar nicht vorgekommen", bemängelte sie in der ARD.

Auch FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner bedauerte, dass wichtige Themen nicht angesprochen worden seien. "Wieso gab es beim TV-Duell nichts zu Bildung, Digitalisierung, Euro, Energie, Klima, Innovation, Bürokratie?", fragte er auf Twitter und fügte hinzu: "Ich finde, es hat sich angefühlt wie die Wartezeit beim Einwohnermeldeamt." Der Deutschen Presse-Agentur sagte er, das Duell habe ihn an Szenen einer alten Ehe erinnert, "einer Ehe, in der es mal knirscht, aber beide Seiten wissen, dass man auch künftig miteinander muss". Jeder wisse, dass Frau Merkel Kanzlerin bleibt. "Das Rennen um die Plätze 1 und 2 ist gelaufen. Das Rennen um Platz 3 gewinnt dadurch weiter an Bedeutung."

Unionsfraktionschef Volker Kauder widersprach. Die Wahl am 24. September sei nicht entschieden. Zwar gingen CDU und CSU mit großer Zuversicht in den Schlussspurt, sagte der CDU-Spitzenpolitiker der Deutschen Presse-Agentur, mahnte jedoch: "Wir wissen aber auch: Die Wahl wird nicht in einem TV-Duell entschieden."

In Blitzumfragen von ARD und ZDF lag Merkel am Sonntagabend vorn. Allerdings waren die Zahlen der Umfrageinstitute infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen sehr unterschiedlich. Nach ARD-Angaben lag Merkel mit 55 zu 35 Prozent klar vorne. Im ZDF war es viel knapper: Hier kam die Kanzlerin auf 32 Prozent Zustimmung, Schulz auf 29 Prozent. Im Gegensatz zur Umfrage für die ARD mussten sich die Befragten hier aber für keinen der beiden Kandidaten entscheiden: Die Mehrheit von 39 Prozent war unentschieden. Die Forschungsgruppe sprach sogar von einem Patt. Dagegen hieß es in der ARD, Merkel sei in ihren drei TV-Duellen als Kanzlerin noch nie so klar vorn gewesen.

Über die Unsicherheiten von Umfragen

Repräsentative Umfragen unterliegen immer Fehlern. Man kann davon ausgehen, dass der tatsächliche Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Bereich von einem bis drei Prozentpunkten über oder unter den letztlich angegebenen Messwerten liegt. Den Korridor dieses statistischen Fehlers zeigen wir ab sofort in unseren Grafiken zu Wahlumfragen.

Die Ergebnisse basieren immer auf Stichprobenbefragungen. Diese decken in der Regel nur spezielle Teile der Bevölkerung ab (zum Beispiel Menschen mit Festnetz-Telefonanschluss oder Internetnutzer). Einige potenzielle Teilnehmer sind ablehnend und wollen erst gar nicht befragt werden. Fragen werden mitunter auch falsch verstanden und nicht immer aufrichtig beantwortet. Zum Beispiel auch in Reaktion auf vorangegangene Umfragen. Um jedoch ein allgemeines Meinungsbild über alle Bevölkerungsgruppen hinweg zu berechnen, müssen die Demoskopen fehlende Messwerte und vermutete Ungenauigkeiten ausgleichen und die vorliegenden Zahlen neu gewichten. Diese (in der Regel nicht transparenten) Formeln unterscheiden sich in den Instituten und führen daher zu unterschiedlichen Aussagen.

Umfragewerte sind immer Momentaufnahmen. Mehr als eine grobe Tendenz für ein Meinungsbild lässt sich daraus nicht ableiten. Selbst wenn die Aussagen und Berechnungen zum Veröffentlichungszeitpunkt der Umfrage nahe an der Realität liegen, ist immer noch offen, ob die damals befragten Wähler zum Beispiel später tatsächlich ihre Stimme abgeben oder sich kurzfristig umentscheiden.

Weitere Hintergründe über unseren Umgang mit Wahlumfragen finden Sie in unserem Transparenzblog Glashaus.

Schulz zeigte sich im einzigen TV-Duell vor der Wahl angriffslustig. So warf der SPD-Chef der Kanzlerin schwere Fehler in der Flüchtlingskrise vor. Zudem äußerte er die Vermutung, sie wolle die Rente mit 70 einführen. Merkel widersprach jeweils energisch. Zum Konflikt mit der Türkei sprach sich Schulz für einen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen aus. Merkel verwies darauf, dass der Abbruch der Beitrittsverhandlungen einstimmig von allen EU-Mitgliedstaaten beschlossen werden muss.

Die SPD liegt seit Wochen in den Umfragen im Schnitt 15 Prozentpunkte hinter der Union. Das Duell wurde von den vier Sendern ARD, ZDF, RTL und Sat.1 veranstaltet und ausgestrahlt. An diesem Montagabend treffen die Spitzenkandidaten von Linkspartei, Grünen, FDP, AfD sowie der CSU-Politiker Joachim Herrmann in einem TV-Fünfkampf aufeinander. "Zukunft, Klima, Jobs, Bildung, Europa und Co. gibt's dann", twitterte Cem Özdemir.