Der junge Mann mit den kurzen blonden Haaren weiß sofort, worum es geht, als er auf die Situation in der Magdeburger Neuen Neustadt angesprochen wird. Selber habe er noch keine schlechte Erfahrungen gemacht, sagt er, er sei nicht aus der Gegend, aber: "Schauen Sie mal an den Moritzplatz, das ist so ein Hotspot." Was es da zu sehen gebe? "Na, was eben in den Zeitungen steht: Lärm und Dreck."

Seit einigen Monaten ist der Stadtteil Neue Neustadt sehr oft in den Magdeburger Zeitungen, im Schnitt alle vier Tage. Der Aufhänger sind fast immer die Rumänen, beziehungsweise die Roma. Denn ein Großteil der zugezogenen Rumänen gehört zur Minderheit der Roma. "In den letzten zwei Jahren sind 1.200 Roma in der Neuen Neustadt eingezogen. Die Bewohner beschweren sich unter anderem über Lärm und Müll", schreibt der MDR am 22.Juli 2017. "Die Stadträte wollen die Situation nicht länger hinnehmen", berichtet die Volksstimme am 11. August und listet die Vorschläge auf, die Magdeburgs Parteien in großer Einigkeit in den Stadtrat eingebracht haben. Mehr Videoüberwachung beispielsweise, und mehr Polizeipräsenz.

"Aktuell ist es zu kalt", sagt die Frau mit dem braunen Pony und der Lederjacke, "aber als es draußen noch warm war, da war es schon manchmal ganz schon laut hier." Die Frau steht neben der Wiese am Moritzplatz, ein paar Meter hinter ihr dreht sich ein Mädchen auf einem korbförmigen Karussell um sich selbst. Der Pferdeschwanz wippt, das Mädchen jauchzt. Sonst ist alles still. Müll ist keiner zu sehen. "Im Sommer, da haben die hier teilweise bis Mitternacht gesessen und Musik gehört", sagt die Frau. "Aber jetzt, jetzt ist es einfach zu kalt."

Die Neuen stellen einfach ihren Sperrmüll auf die Straßen

"Die", das sind die Roma, die neuen Nachbarn. Die in die Plattenbauten eingezogen sind, die die Stadt vor ein paar Jahren verkauft hat. Die Kinder der neuen Nachbarn, das hört man hier öfter, spielen manchmal bis in die späten Abendstunden auf dem Moritzplatz, die Teenager hören Musik, es ist abends jetzt oft lauter als früher. Und dann gibt es da noch ein paar Leute unter den Neuen, die einfach ihren Sperrmüll auf die Straße gestellt haben beim Wohnungsumbau. Statt ihn abholen zu lassen, wie sich das gehört. Das hat einige der alteingesessenen Nachbarn geärgert und damit könnte die Geschichte der Neuen Neustadt bereits erzählt sein. Ein Nachbarschaftsstreit, so wie es tausende gibt in Deutschland jeden Tag.

Aber weil die neuen Nachbarn Roma aus Rumänien sind und weil Zeitungen und Politik es interessant finden, wenn sich Deutsche und Ausländer streiten, gerade in Zeiten des Wahlkampfes, ist die Neue Neustadt zu einem ganz großen Thema geworden. Jetzt finden auch Reporter aus anderen Bundesländern ihren Weg in das Viertel, um nach den Konflikten und ghettoähnlichen Zuständen zu suchen, die MDR und Volksstimme so anschaulich beschrieben hatten. Wobei es eigentlich keine 1.200 Roma sind, die in der Neuen Neustadt wohnen, wie der MDR Mitte Juli geschrieben hat, sondern nur 600 Leute aus Rumänien, 300 davon neu zugezogen. Das 15.000-Einwohner-Viertel wird also nicht "überwiegend" von Rumänen bewohnt wird, wie der Sender zwei Wochen später nachgeschoben hatte.

"Ich glaube, das ist organisiert"

"Die Frage ist ja: Warum sind die Rumänen alle gerade hierher gekommen?", fragt Lutz Trümper. "Sicher kann man das ja nicht sagen, aber: Ich glaube, das ist organisiert." Lutz Trümper ist Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg, ein Mann mit einem festen Händedruck und einem ebensolchen Auftreten. 2015 ist er aus der SPD ausgetreten. Weil er und die Spitzenkandidatin sich uneinig waren, wie viele Geflüchtete man noch aufnehmen könne in Sachsen-Anhalt und er seine Meinung "nicht verschweigen" wollte, wie es ihm "nahegelegt" worden sei. So hat er das in einem Interview mit der Welt einmal formuliert. Es gab ein großes Tamtam damals, auch überregional hat man sich interessiert für den Bürgermeister, der die "Belastungsgrenze" erreicht sah. Vor ein paar Monaten ist Trümper wieder eingetreten in die SPD, diesmal ohne großes Aufsehen, aber begleitet von ein paar warmen Worten des Landesvorsitzenden Burkhard Lischka.

"Es ist schon auffällig, dass sie so oft griechische Vermieter haben"

Trümper glaubt, dass die zugezogenen Rumänen Sozialbetrug im ganz großen Stil betreiben, und dass sie dafür nach Magdeburg gekommen sind. "Ich vermute, da stehen irgendwelche Hintermänner dahinter. Die mieten dann mehrere Rumänen in einer Wohnung ein und kassieren Teile des Wohngeldes ab", sagt Trümper. "Wir können da nichts beweisen, aber: Es ist schon auffällig, dass sie so oft griechische Vermieter haben."

400 Euro für eine Vier-Zimmer-Wohnung

In der Umfassungsstraße in der Neuen Neustadt blättert der Putz von den Plattenbauten. Auf den daneben liegenden Brachflächen reicht das Gras bis auf Höhe der Kniekehlen. Die Häuser, in denen rumänische Familien wohnen, erkennt man an den Satellitenschüsseln. Die empfangen nämlich auch rumänisches Fernsehen. Die Häuser mit den meisten Satellitenschüsseln sind die mit dem wenigsten Putz. Vor ein paar Jahren hat die Stadt diese Häuser verkauft, in der Hoffnung, ein reicher Investor würde kommen und sie sanieren. Gekauft wurden die Häuser auch. Aber saniert wurden sie nicht. Sondern vermietet. Von Griechen?

"Also, mein Vermieter ist auf jeden Fall Deutscher", sagt Samuel Stan und guckt einigermaßen irritiert. "Aber klar, kann sein, dass hier manche Wohnungen auch von Griechen vermietet werden." Stan ist Roma und vor neun Monaten nach Magdeburg gezogen. Davor hat er als Journalist gearbeitet, bei Radio France in Bukarest, aber die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist immer schwieriger geworden, er hat seinen Job verloren, nach zwölf Jahren. Freunde haben ihm geraten, es einmal in Deutschland zu versuchen. Eigentlich wollte Stan nach Berlin mit seiner Familie, "aber da kostet eine Wohnung 800 Euro und die hat dann gerade mal zwei kleine Zimmer." Ein Bekannter hat ihm empfohlen, es in Magdeburg zu versuchen, da seien die Mieten günstiger und so ist Stan in der Neuen Neustadt gelandet. Für die Vier-Zimmer-Wohnung, in der er jetzt mit seiner Frau und den Kindern wohnt, zahlt er 400 Euro im Monat. "Aber sobald ich besser deutsch gelernt habe und die Chance auf einen besseren Job habe, versuche ich das noch einmal mit Berlin."

Roma sind Deutschlands unbeliebteste Minderheit

In Rumänien wird die Minderheit der Roma oft verfolgt und findet schwer Arbeit. In Deutschland sind sie ebenfalls nicht beliebt: Nach einer Studie des Bundes vom Jahr 2014 sind die "Sinti und Roma" Deutschland unbeliebteste Minderheit und damit noch mehr Menschen "unsympathisch" als Asylbewerber, Muslime oder Juden. Knapp die Hälfte der Deutschen findet, dass die "Sinti und Roma" durch ihr Verhalten Feindseligkeit hervorrufen. In der NS-Zeit sind die Roma ebenso wie die Juden vergast worden, aber das Wort "Porajmos", das den Völkermord an den europäischen Roma bezeichnet, ist in Deutschland kaum bekannt.

Lutz Trümper sagt, wenn die Rumänen sich von Anfang an an "unsere Regeln und Normen" gehalten hätten, dann wäre man gar nicht aufmerksam geworden auf sie. Aber jetzt will er gegen den vermuteten Sozialbetrug vorgehen. "Es kann doch nicht sein", sagt er, "dass EU-Ausländer hier 170 Euro im Monat an Geld selbst verdienen und der Sozialstaat zahlt dann 3.000 Euro mit drauf." Was Lutz Trümper so ärgert, ist die Tatsache, dass EU-Ausländer, die in Deutschland arbeiten, ebenso wie auch Deutsche ihr Einkommen mit Hartz 4 aufstocken können, wenn es nicht zum Leben reicht. Wobei: Aufstocken - mit 3.000 Euro? "Das ist ein Beispiel", sagt Lutz Trümper. Und rechnet vor: Wenn ein Rumäne 170 Euro verdienen würde im Monat und wenn dieser Rumäne eine Frau und fünf Kinder hätte, dann könnten er und seine Frau ihr Einkommen mit insgesamt etwa 800 Euro Hartz 4 aufstocken. Dazu käme das Kindergeld für die fünf Kinder, jeweils etwa 200 Euro und dann noch das Wohngeld, das zwar nicht ausgezahlt würde, aber ja auch Geld ist und das auch für die fünf Kinder gezahlt würde. Zusammen, so ungefähr, um den Daumen gepeilt, wären das dann 3.000 Euro.

Die Medien haben das Thema für sich entdeckt

Bisher hat Trümper bei seinen Recherchen noch keinen Rumänen gefunden, der nur 170 Euro verdient. Er weiß aber von ein paar Leuten mit 450-Euro-Minijobs – und überhaupt: Das ist ja nur ein Beispiel. Ein Beispiel, das Trümper gerne anbringt, gerade in der Diskussion um die Neue Neustadt und manchmal vergisst er dabei, dazuzusagen, dass die theoretischen 3.000 Euro das Geld für sieben Personen wären und nicht für eine. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus, ein paar Kilometer entfernt von der Neuen Neustadt, da haben die Leute auch schon gehört von dem Sozialbetrug. Das überrascht nicht, immerhin hat der MDR groß berichtet über den Verdacht und auch die Volksstimme hat ein paar Artikel beigesteuert, mit Zwischenüberschriften wie: "Rumänen haben keine Konten". Und: "Rumänen arbeiten angeblich in Berlin". Gegen den Sozialbetrug müsse auf jeden Fall vorgegangen werden, sagt eine ältere Dame und ein junger Mann berichtet von einer Bekannten, die wegziehen will aus dem Viertel, weil sie sich nicht mehr sicher fühlt.

"Irgendetwas hat jeder hier schon mal gehört über die Roma"

Seit einigen Wochen patrouilliert jetzt der Ordnungsdienst täglich zwischen 6 und 20 Uhr durch die Neue Neustadt. Und auch die Polizei lässt sich häufiger mal blicken. Nicht, weil die Kriminalität gestiegen wäre: Laut der Kriminalstatistik, das sagt auch Lutz Trümper, hat es keinen Anstieg an Kriminalität in dem Viertel gegeben in den letzten Jahren. Aber es geht ja auch um das subjektive Sicherheitsempfinden und obendrein hat der Ordnungsdienst schon einige andere Vergehen ausgemacht: Dieses Jahr sind bereits "acht konkrete Lärmanzeigen" im Ordnungsamt eingegangen, siebzehn Mal hat es "pauschale" Beschwerden über Lärm und Müll gegeben. Und während es 2014 nur 19 "Verstöße gegen die Straßenreinigungssatzung" gegeben hat, liegt die Prognose für 2017 bei 25 Verstößen. Wobei diese Prognose eben nur eine Hochrechnung ist. Erst 17 dieser mutmaßlich 25 Verstößen haben sich bislang tatsächlich ereignet, wie der Pressesprecher des Bürgermeisters auf Nachfrage mitteilt.

"Wir sind ganz froh, dass die hier nicht wohnen"

Lutz Trümper sagt, das mit den Beweisen sei schwierig in der Sozialbetrugs-Sache. Die deutschen Gesetze legen so viel Wert auf Datenschutz, das Recherchieren fällt schwer. In Berlin zum Beispiel, wo angeblich viele der Rumänen arbeiten, Trümper betont das "angeblich", habe man bei den Behörden angerufen, um dem nachzugehen. "Und raten Sie mal, was die gesagt haben?" Sie haben gesagt, sie könnten das nicht überprüfen für den Bürgermeister, sie hätten genug zu tun. "Unausgesprochen schwingt da natürlich mit: Wir sind ganz froh, dass die nicht hier wohnen", sagt Trümper. Wenn sie den Betrug aufdecken, so hofft der Bürgermeister, werden die Roma "weiterziehen". In eine andere Stadt, ein anderes Land, irgendwohin, weg von Magdeburg.

Bei Radio France hat Samuel Stan die Nachrichten eingelesen, man hört das, seine Stimme ist klar und fest. In seinen kurzen braunen Haaren sind erste weiße Strähnen zu erkennen, er wirkt müde. "Ich habe in der Volksstimme gelesen, wir Rumänen hier in der Neustadt seien eine Mafia", sagt er. "Das ist eine Lüge!". Er sagt das nicht laut oder empört, stellt es nur fest. Weiß er, dass dieses Thema von Magdeburgs Bürgermeister aufgebracht worden ist? "Lutz Trümper, der ist SPD, oder?", fragt Stan. "Ich verstehe." Ein paar Sekunden lang blickt er schweigend geradeaus. "Die AfD ist stark hier", sagt er dann. "Ich denke, er möchte ihre Wähler gerne bei der SPD haben." Stan würde gerne wieder als Journalist arbeiten, aber darüber sprechen möchte er nicht so gerne. "Gerade kann ich mir keine Träume leisten", sagt er und sieht gleich noch müder aus. "Ich habe eine Familie zu ernähren." Sechs Tage die Woche arbeitet er bei einem Lieferdienst, fährt Pizza und Lasagnen zu hungrigen Nachbarn. Und versucht, möglichst wenig darüber nachzudenken, wie es weitergehen wird. Aber eine Zeitung, die Volksstimme, leistet er sich trotzdem jeden Tag, die Liebe zu Nachrichten ist geblieben von seinem früheren Beruf.

Die Roma haben es schwer, das war schon immer so

Stan sagt, dass die Roma es schwer hätten, das sei schon immer so gewesen. Und er sagt, dass die meisten Menschen in der Neuen Neustadt eigentlich sympathische Leute seien, abgesehen von den paar Idioten, die es immer gebe, unter den Rumänen und unter den Deutschen gleichermaßen.

"Irgendetwas hat jeder hier schon mal gehört über die Roma, was die nicht alles tun und lassen", sagt Etna Pevistorp. Sie arbeitet in der Neuen Neustadt für die AWO. Daher ist sie oft im Gespräch mit den Nachbarn, mit Zugezogenen und Alteingesessenen. Pevistorp sagt, sie glaube nicht, dass die Anwohner hier etwas gegen Roma hätten, "zumindest hatten sie das lange nicht". Aber nach dem zehnten reißerischen Artikel, dem fünfzehnten markigen Kommentar des Bürgermeisters, der sechsten Erwähnung der Nachbarsstraße in den Medien, "da sind die Leute irgendwann überzeugt, dass hier etwas nicht richtig läuft." Kürzlich ist Pevistorp an zwei Nachbarinnen vorbeigekommen, die sich gerade unterhalten haben über ihr Viertel. Die eine hat sich geärgert, ganz laut ist sie geworden, die Rumänen würden hier alles zumüllen und laut seien sie auch. Und die andere Nachbarin, die ein paar Häuser weiter wohnt, die hat ganz interessiert zugehört und gesagt, seltsam, sie habe davon noch gar nichts mitbekommen, in ihrer Straße gebe es wohl keine Rumänen. "100 Meter wohnen die entfernt voneinander!", sagt Etna Pevistorp und lacht. Es ist ein bitteres Lachen.