Die geheimen Kochrezepte der Umfrageinstitute

Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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In meinen letzten Beiträgen habe ich viel Kritik an der Prognoseindustrie formuliert. Sie entpolitisiert und macht selbst Stimmung und das mit nur sehr ungenauen Stichprobenergebnissen.

Schon aus statistischen Gründen müssen die Forscher bei 1.000 Befragten einen Fehlerkorridor von drei Prozentpunkten in beide Richtungen einrechnen – wie sie selbst einräumen. Eine Partei, die auf 40 Prozent geschätzt wird, kann in Wahrheit also auch bei 37 oder 43 Prozent liegen. Und mit einem Restrisiko von fünf Prozent kann es noch weniger oder mehr sein.

Sie, die Leser, waren skeptisch angesichts meiner Beiträge. Schließlich, so argumentierten einige, lägen doch die veröffentlichten Ergebnisse der großen Wahlforschungsinstitute enger beisammen als die oben beschriebenen Schwankungsbereiche. Oft wirken die veröffentlichten Ergebnisse der Institute eher wie ein solider Trend als eine Aneinanderreihung zufällig schwankender Werte.

Das Missverständnis lässt sich aufklären. Meine Aussagen bezogen sich nämlich auf die gemessenen Daten – auch Rohdaten genannt. Damit sind jene Daten gemeint, die das pure Befragungsergebnis widerspiegeln, die die Meinungsforscher ermitteln – und zwar bevor die Ergebnisse geglättet werden. Bei diesen Daten sind die Schwankungen weitaus größer. Manchmal betragen sie acht Prozentpunkte innerhalb weniger Wochen. Die Institute glätten diese anschließend, indem sie in manchen Wochen einige Prozentpunkte draufschlagen, manchmal Prozentpunkte abziehen. Die Frage lautet: Wie machen die Meinungsforscher das? Und vor allem: Warum?

Diese Frage zu beantworten, ist nicht einfach. Nur eines der großen Forschungsinstitute – die Forschungsgruppe Wahlen – öffnet die ermittelten Rohdaten für die Öffentlichkeit. Die anderen Institute operieren auch mit solchen Daten, sie verstecken sie nur besser. Das hat einen guten Grund: Würden die Demoskopen die Zufallsschwankungen, die durch relativ kleine Stichproben in ihren Rohdaten entstehen, veröffentlichen, würde sich das Publikum schnell von den Zahlen abwenden. Ein Absturz von acht Prozent in den Umfragen  – obwohl de facto politisch nichts passiert ist – lässt sich eben schwer erklären. Es gäbe starke Zweifel an den Fähigkeiten der Schätzer. Das wäre eine Gefahr für die ganze Wahlforschungsbranche.

Deshalb die Glättungen. Sie finden nach geheimen Kochrezepten statt, die sich von Institut zu Institut unterscheiden und die wenig transparent sind. Politologisch betrachtet sind einige dieser Anpassungen sogar sinnvoll.  Wähler der äußersten Rechten geben ihre Wahlabsicht bei Umfragen zum Beispiel nicht immer zu. Eine Korrektur der gemessenen Werte erscheint da sinnvoll. Regierungsparteien wiederum beschließen zur Mitte ihrer Wahlperiode oft harte Maßnahmen für die Bürger, in der Hoffnung, dass die bei der nächsten Wahl wieder vergessen sind. In dieser Zeit wenden sich auch Stammwähler bei Umfragen von ihnen ab. Ein paar Jahre und ein paar Vorwahlgeschenke später bleiben sie ihrer Partei an der Wahlurne dann doch treu. Für solche Prozesse gibt es Erfahrungswerte, die von den Forschern in ihre Wahlprognosen eingerechnet werden müssen. Alles andere wäre fahrlässig.

Wahlprognosen gehören in neutrale Forscherhände

Es spricht zudem einiges dafür, dass die Institute die Umfrageergebnisse der konkurrierenden Meinungsforscher berücksichtigen. Schon, um nicht ganz aus dem Rahmen zu fallen, aber auch wegen der viel größeren Stichprobe. Werden die Daten acht weiterer Institute einbezogen, wird der Zufallsfehler schon auf ein Drittel reduziert. Anders gesagt: Je stärker die Institute ihre Daten abgleichen, desto mehr Daten stehen zur Verfügung und umso geringer wird die Zufallsabweichung. Das dürfte auch einer der Gründe dafür sein, warum die Forschungsinstitute nicht weit voneinander abweichen. Und natürlich beobachten auch die Wahlforscher die politische Lage. Gab es einen Gipfel, auf dem die Kanzlerin gute Noten bekam, wird den Unionsparteien Aufwind bestätigt. Und zwar selbst dann, wenn die Zufallsschwankungen der Messungen gerade nach unten gezeigt haben.

Das Problem sind nicht unbedingt die Glättungen selbst, sondern der intransparente Umgang damit. Das schafft Misstrauen. Noch dazu, weil immer der Verdacht besteht, dass Umfrageinstitute auch eine Eigenmotivation haben, die Umfragen zu korrigieren. Die Institute sind schließlich keine unabhängigen, wissenschaftlichen Institutionen, sondern Unternehmen, die als solche anfällig dafür sind, im Sinne ihres Auftraggebers zu handeln. Was also, wenn ein Institut, sagen wir, der FDP nahesteht, die Liberalen aber seit längerer Zeit bei den Rohdaten bei zwei oder drei Prozent rumdümpeln? Traut sich das beauftragte und bezahlte Institut dann auch, zwei bis drei Prozent zu veröffentlichen und so dafür zu sorgen, dass sogar FDP-Anhänger sich bei der Wahl eventuell abwenden?

Es gibt zumindest Indizien dafür, dass sich manche Demoskopen damit schwertun. Vor den Landtagswahlen 2011 etwa hatte ein Meinungsforschungsinstitut monatelang die FDP bundesweit zwischen drei und vier Prozent gemessen. In den Veröffentlichungen aber betrug der Anteil der Wähler um die fünf Prozent – also knapp um die Hürde, in der die Partei in das Parlament einziehen würde. Als dann die FDP bei zwei der Wahlen im hohen Bogen aus den Parlamenten flog und selbst in ihrem Stammland Baden-Württemberg von 10,7 auf 5,3 Prozent für jeden sichtbar abstürzte, wurden die FDP-Bundesprognosen auf 4 Prozent gesenkt. Gut möglich, dass der Absturz der Partei ohne die Umfrageveröffentlichungen vor der Wahl noch größer gewesen wäre.

Der Wahlkampffisch

Fisch, ein siamesischer Kampffisch, wird in einem symmetrisch eingerichteten Becken durch sein Schwimmverhalten bis zur Bundestagswahl jeden Tag signalisieren, ob er Martin Schulz oder Angela Merkel mehr Chancen einräumt.

Hier twittert der Fisch seine Prognosen Folgen Sie dem Fisch!

Ich bleibe dabei: Wahlumfragen sollten in den letzten zwei Wochen vor der Wahl nicht veröffentlicht werden – in demokratischen Ländern wie Frankreich oder Italien ist das längst so. Und: Wahlprognosen gehören in neutrale Forscherhände und nicht in eine davon profitierende Meinungsforschungsindustrie. Dann würden auch endlich die Kochrezepte, wie aus Rohdaten die veröffentlichten Werte werden, für jeden nachprüfbar.