Es spricht zudem einiges dafür, dass die Institute die Umfrageergebnisse der konkurrierenden Meinungsforscher berücksichtigen. Schon, um nicht ganz aus dem Rahmen zu fallen, aber auch wegen der viel größeren Stichprobe. Werden die Daten acht weiterer Institute einbezogen, wird der Zufallsfehler schon auf ein Drittel reduziert. Anders gesagt: Je stärker die Institute ihre Daten abgleichen, desto mehr Daten stehen zur Verfügung und umso geringer wird die Zufallsabweichung. Das dürfte auch einer der Gründe dafür sein, warum die Forschungsinstitute nicht weit voneinander abweichen. Und natürlich beobachten auch die Wahlforscher die politische Lage. Gab es einen Gipfel, auf dem die Kanzlerin gute Noten bekam, wird den Unionsparteien Aufwind bestätigt. Und zwar selbst dann, wenn die Zufallsschwankungen der Messungen gerade nach unten gezeigt haben.

Das Problem sind nicht unbedingt die Glättungen selbst, sondern der intransparente Umgang damit. Das schafft Misstrauen. Noch dazu, weil immer der Verdacht besteht, dass Umfrageinstitute auch eine Eigenmotivation haben, die Umfragen zu korrigieren. Die Institute sind schließlich keine unabhängigen, wissenschaftlichen Institutionen, sondern Unternehmen, die als solche anfällig dafür sind, im Sinne ihres Auftraggebers zu handeln. Was also, wenn ein Institut, sagen wir, der FDP nahesteht, die Liberalen aber seit längerer Zeit bei den Rohdaten bei zwei oder drei Prozent rumdümpeln? Traut sich das beauftragte und bezahlte Institut dann auch, zwei bis drei Prozent zu veröffentlichen und so dafür zu sorgen, dass sogar FDP-Anhänger sich bei der Wahl eventuell abwenden?

Es gibt zumindest Indizien dafür, dass sich manche Demoskopen damit schwertun. Vor den Landtagswahlen 2011 etwa hatte ein Meinungsforschungsinstitut monatelang die FDP bundesweit zwischen drei und vier Prozent gemessen. In den Veröffentlichungen aber betrug der Anteil der Wähler um die fünf Prozent – also knapp um die Hürde, in der die Partei in das Parlament einziehen würde. Als dann die FDP bei zwei der Wahlen im hohen Bogen aus den Parlamenten flog und selbst in ihrem Stammland Baden-Württemberg von 10,7 auf 5,3 Prozent für jeden sichtbar abstürzte, wurden die FDP-Bundesprognosen auf 4 Prozent gesenkt. Gut möglich, dass der Absturz der Partei ohne die Umfrageveröffentlichungen vor der Wahl noch größer gewesen wäre.

Der Wahlkampffisch

Fisch, ein siamesischer Kampffisch, wird in einem symmetrisch eingerichteten Becken durch sein Schwimmverhalten bis zur Bundestagswahl jeden Tag signalisieren, ob er Martin Schulz oder Angela Merkel mehr Chancen einräumt.

Hier twittert der Fisch seine Prognosen Folgen Sie dem Fisch!

Ich bleibe dabei: Wahlumfragen sollten in den letzten zwei Wochen vor der Wahl nicht veröffentlicht werden – in demokratischen Ländern wie Frankreich oder Italien ist das längst so. Und: Wahlprognosen gehören in neutrale Forscherhände und nicht in eine davon profitierende Meinungsforschungsindustrie. Dann würden auch endlich die Kochrezepte, wie aus Rohdaten die veröffentlichten Werte werden, für jeden nachprüfbar.