Wie wird der Wahlausgang in der Welt wahrgenommen? Wir haben unsere Korrespondenten gefragt.

Russland: Der deutsche Pragmatismus hat gesiegt

Walerij Fadejew gilt wohl kaum als Fan von Angela Merkel. Genüsslich kritisierte der Moderator einst die "gescheiterte Flüchtlingspolitik" der Bundeskanzlerin in seiner sonntäglichen Nachrichtensendung im staatlichen Ersten Kanal. Nur in Einzelfällen hätten sich die Migranten der neuesten Welle in Deutschland angepasst. Fadejew gilt als die etwas softere Version des Chefpropagandisten Dmitri Kisseljow vom anderen großen Staatssender Rossija.

Doch nun am Wahlabend kassiert die Kanzlerin plötzlich unerwartetes Lob vom Nachrichtenmann. Merkel habe vor allem aus zwei Gründen den Sieg davon getragen. Nicht nur die Wirtschaft laufe rund. Auch habe die Regierungschefin das politische Talent demonstriert, sich an die Wünsche der Wähler anzupassen. Kisseljow selbst nannte die Wahlen in Deutschland und den Sieg der CDU/CSU alternativlos, auch weil dem "grauen Eurobürokraten" Schulz am Ende die Puste ausgegangen sei.

Schon in den Tagen vor der Wahl hatte sich gezeigt, dass die öffentliche Diskussion in Russland weit weniger aufgeregt verläuft, als vor den Wahlen in den USA und Frankreich oder auch vor der Abstimmung von Brexit. Vor allem vor dem Hintergrund der Angst in Deutschland vor der russischen Einmischung wirkte die mediale Ruhe bizarr. Dabei zeigt auch die Reaktion der Politiker, dass Moskau mit dem Wahlausgang zumindest nicht unzufrieden ist.

Vertrauensvotum für Merkel

Zwar hatte es bis in die späten Abendstunden noch keine Gratulation von Putin gegeben. Der Chef des internationalen Ausschusses im Föderationsrat Konstantin Kossatschow nannte die Wahl jedoch ein Vertrauensvotum für die Kanzlerin. Für die SPD sei es schwer gewesen, Alternativen zu bieten, während große Teile der Bevölkerung mit vielem zufrieden seien. Einzig die mögliche Regierungsbeteiligung der Grünen bereitet dem Außenpolitiker Sorgen. "Das verheißt nichts Gutes, schließlich vertritt die Partei ultraliberale Ansichten und ist sehr kritisch Russland gegenüber eingestellt", erklärte Kossatschow. 

Die FDP erscheine dagegen als die gemäßigtere Kraft. Alexander Remezkow, Mitglied der für die Beziehungen zum Bundestag zuständigen Parlamentariergruppe in der Duma, lobte seinerseits die hohe Wahlbeteiligung in Deutschland. "Die Deutschen legen großen Wert auf ihr Recht, den politischen Willen zu bekunden", sagte der Abgeordnete der kremlfreundlichen Partei Gerechtes Russland.

Nicht unbemerkt blieb schließlich auch der Erfolg der Alternative für Deutschland. Viele russischsprachige Bürger Deutschlands hätten für die neue Partei im Bundestag gestimmt, berichtete etwa Wassilij Lichatschew, Mitglied der zentralen Wahlkommission. Für die neue Regierung werde die AfD zur Herausforderung. "Im Großen und Ganzen aber haben die Wahlen deutschen Pragmatismus, Verantwortungsgefühl und die Fähigkeit, Probleme auf zivilisierte Art mittels Wahlen und Parteikonkurrenz zu lösen,", resümierte Lichatschew.

von Maxim Kireev, Moskau