Die AfD ist eine rechtspopulistische Partei, die Grundrechte wie die Religionsfreiheit einschränken will. Das muss man festhalten. Ihre Spitzenvertreter würdigen Menschen wegen ihrer Herkunft herab – sie halten rassistische Reden, demonstrieren gegen Flüchtlingsheime, sie versuchen, die Soldaten der Wehrmacht zu rehabilitieren und verbreiten Lügen. "Grenzöffnung", "Schuldkult", "Volksverräter", "dann wird aufgeräumt" – all diese Schlagworte gehören zur AfD, die sich 2013 als Anti-Euro-Partei gründete und es nach dem Einzug in 13 Landtage nun mit ihrem islamfeindlichen, rückwärtsgewandten Kurs auch in den Bundestag geschafft hat.

Doch diese Partei und ihre Kandidaten fielen nicht vom Himmel, sie hat Wähler, die ihr zum Erfolg verhalfen. Die AfD genießt in Teilen der Gesellschaft Rückhalt, sie hat der Union eine Million Stimmen abgezogen und Hunderttausende aus dem linken Spektrum. Auch das muss man festhalten.

Bisher gärte das für rechtsradikale Sichtweisen anfällige Wählerpotenzial in den anderen Parteien und der Gruppe der Nichtwähler vor sich hin. Der Erfolg der AfD hat es sichtbar gemacht. Das ist einerseits Grund zur Unruhe, andererseits eine Chance: Politik und Zivilgesellschaft haben jetzt die Möglichkeit, sich diesen Wählern neu zu nähern und sie für konstruktive politische Konzepte zurückzugewinnen.

Wie kann das gehen? Wichtig ist, diesen Menschen ihre Angst zu nehmen. Ihre Furcht vor sozialem Abstieg ist nicht unbegründet. Sie geht in strukturschwachen Regionen um, wo Kino und Theater dichtgemacht haben und die Jugend nach dem Studium nicht mehr zurückkommt; wo die Immobilienpreise fallen. Diesen Menschen muss man das Gefühl vermitteln, nicht benachteiligt zu werden, man muss ihnen Antworten geben auf ihre Fragen und Gerüchte richtigstellen, wenn es wieder heißt, Neuankömmlinge im Ort bekämen alles gestellt und Hartz-IV-Empfänger hätten das Nachsehen. An den ostsächsischen Grenzen bilden sich Bürgerwehren gegen den Diebstahl von Autos, Mountainbikes und Baugerät, weil die Polizei nicht hinterherkommt. Das ist der Stoff, aus dem die AfD ihren Erfolg destilliert – in den Wahlkreisen dort gewann die AfD ihre Direktmandate.   

Wer sich vor der Bundestagswahl im Land bei den Kundgebungen umhörte, stellte fest: Die in der AfD ungeklärten Machtfragen, ein Bauverbot von Minaretten oder Gaulands Wehrmachtsfantasien bedrücken die Wähler erschreckend wenig. Sie sorgen sich darum, wie lange es in ihrem Dorf noch eine Bushaltestelle geben wird. Sie warten seit Jahren auf Klarheit, wie hoch die Abwassergebühren für ihr Grundstück ausfallen, sie würden gern – auch ein Detail aus dem AfD-Programm – bezahlbare Wurst aus regionaler artgerechter Tierhaltung kaufen. Sie wollen, dass Zuwanderung nach Deutschland gesteuert wird und Recht nicht gebrochen, egal ob bei der Eurorettung oder dem Dublin-Abkommen. Sie sehen sich mit ihren Sorgen ignoriert von den anderen Parteien und den großen Medien und flüchten sich in den Kampfruf nach einer "echten Opposition".

Vertrauen wiederzugewinnen erfordert auch, Fehler einzugestehen: Die bisherigen Strategien, die AfD kleinzuhalten, sind gescheitert. Die Pathologisierung ihrer Wähler als arm und abgehängt hat nicht funktioniert. Studien zeigen: Sie sind gut gebildet und verdienen über dem Durchschnitt. Je mehr selbsterklärte Inhaber der Wahrheit den AfD-Wählern Irrationalität andichteten, je weiter ihre Gegner die Nazi-Keule schwangen, desto höher stieg der Grad ihrer Verstocktheit, und desto lauter wurde das Getöse am nationalistischen Rand der Partei.

Mehr Wähler, mehr Reflektion

Ein Anfang könnte sein, deutlich zu sagen, was die AfD Positives erreicht hat: Fast 1,5 Million Stimmen von Menschen, die zuletzt nicht oder noch nie zur Wahl gegangen waren. Die AfD hat viele Menschen politisiert, wie zuvor die Wahl Trumps, die Flüchtlingskrise oder der Klimawandel. Die anderen Parteien reiben sich öffentlich an der AfD, schärfen dadurch ihr Profil und überdenken zugleich angestaubte Positionen und Rituale. Und auch Medien reflektieren ihre Arbeit stärker als bisher, seit die AfD erstarkte. Die neuen politischen Verhältnisse erfordern einen Journalismus, der aufklärt, statt zu erziehen und zu belehren. Nur so lassen sich die Informationsblasen und Resonanzräume öffnen, in die sich die vermeintlich Abgehängten zurückgezogen haben.

Vertrauen wiederzugewinnen erfordert, nicht nur AfD-Wähler, sondern auch die Partei differenziert zu betrachten. Pauschale Zuschreibungen und Etiketten wie "Pack" und "Rechtsextremisten" schreckten Wähler nicht ab, sondern ließen die Partei an diesem Widerstand wachsen, Prozentpunkt um Prozentpunkt. Schon in den 1990er-Jahren war das so, als die Rote-Socken-Kampagne der CDU die Linkspartei mehr stärkte als schwächte.

Die AfD zudem pauschal als undemokratisch und inhaltsleer zu geißeln, schlägt ebenso fehl: Die Partei hat ihr Programm in einem langwierigen Prozess erarbeitet, die Basis war daran intensiv beteiligt. Ja, Passagen des Programms richten sich gegen Grundrechte. Das ist ein politisches Problem. Aber seit dem gescheiterten NPD-Verbotsverfahren steht fest, dass unsere Demokratie es sogar erlaubt, ihre Abschaffung zu fordern.

Vonnöten ist mehr warmherziges Werben für die Demokratie. Es kommt darauf an, dass AfD-Anhänger nicht blockieren, wenn Merkel nicht das tut, was sie für richtig halten, sondern mit starken, gut begründeten Argumenten darüber streiten. Vielleicht entscheiden sie sich als mündige Staatsbürger bei der nächsten Wahl für eine andere Politik. Vielleicht nicht. Zum fairen Diskurs gehört, das Gegenüber ernst zu nehmen und ihm seine abweichende Meinung auch zu lassen. Was bisher auf beiden Seiten keinesfalls selbstverständlich ist.

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