Hamburgs Erster Bürgermeister und stellvertretender SPD-Bundesvorsitzende Olaf Scholz rät Politikern und Journalisten zu einem anderen Umgang mit der AfD. "Die permanente Debatte über rechtspopulistische Parteien ist der größte PR-Erfolg, den sie erzielen können", sagte Scholz der ZEIT. "Den Gefallen sollten die demokratischen Parteien oder der Journalismus ihnen nicht tun."

In Hamburg hatte die AfD bei der Bundestagswahl mit 7,8 Prozent ihr bundesweit schlechtestes Ergebnis erzielt. "Wir erlauben rechten Populisten nicht, hier die Arena der politischen Debatte zu bestimmen", sagte Scholz. "Wir springen nicht ständig darauf an, wenn jemand etwas Unmögliches sagt." Das müsse auch anderswo gelten. "Wenn sich in einer Talkshow ein Vertreter einer rechtspopulistischen Partei äußert, sollte man sich darauf konzentrieren, zur Sache zu sprechen", mahnte der SPD-Politiker. "Man darf darauf setzen, dass die da wenig zu bieten haben. Deshalb ist das im politischen Wettbewerb der klügste Weg, diesen Parteien zu begegnen."

Vor der Bundestagswahl hatte es zahlreiche kritische Berichte über die AfD und umstrittene Äußerungen ihrer Vertreter gegeben. In Umfragen blieb die Partei populär.

Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, warnte die Parteien davor, die AfD im Bundestag auszugrenzen. "Es wäre sehr töricht, keinen AfD-Vertreter zu einem Vizepräsidenten des Bundestags zu wählen", sagt Papier der ZEIT. "Das Parlament muss ein Spiegelbild der Meinungsvielfalt in der Bevölkerung sein. Und der Bundestagspräsident muss als Repräsentant der gesamten Volksvertretung so neutral wie möglich die Rechte aller Abgeordneten wahren."

Er mahnte den künftigen Bundestagspräsidenten, sein Amt überparteilich auszuüben. Er solle sein Hausrecht umsichtig ausüben und es mit Ordnungsrufen gegenüber der AfD nicht übertreiben. Die Abgeordneten, sagt Papier, hätten ein weitreichendes Recht auf freie Rede. "Sollte ein Bundestagspräsident seine Ordnungsmacht überziehen, geht er das Risiko ein, dass ihn ein Parlamentarier der AfD wegen einer Verletzung seiner Abgeordnetenrechte vorm Bundesverfassungsgericht verklagt." Und weiter: "In Karlsruhe zu verlieren, wäre für einen Bundestagspräsidenten ungut und peinlich." Papier hatte das Bundesverfassungsgericht von 2002 bis 2010 geleitet. Als Bundestagspräsident ist der bisherige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble im Gespräch.

Auch Thüringens Landtagspräsident Christian Carius, CDU, rät davon ab, im Bundestag Sonderregelungen für die AfD zu schaffen. In Thüringen ist die AfD seit 2014 im Landtag vertreten. "Wir haben deutlich mehr Schmähungen", sagt Carius der ZEIT. Aber mit einer Ausgrenzung der AfD nähre man nur die Legende vom "Kartell der Altparteien", das die neue Konkurrenz ausschalten wolle.

Der scheidende Bundestag hatte mehrere Entscheidungen gefällt, die Vorteile oder herausgehobene Positionen für die AfD vermieden. So änderten die Abgeordneten die Geschäftsordnung ab, womit ein möglicher Alterspräsident der AfD verhindert wurde. Auch der Goldhandel der AfD wurde unterbunden, mit dem die Partei einen Teil ihrer Einnahmen bestritt.