Eine Analyse der Bundestagswahlen nach Milieu-Zugehörigkeit sieht eine stärker werdende Konfliktlinie zwischen Modernisierungsbefürwortern und -skeptikern. Das zeige sich insbesondere daran, dass zwei Drittel der AfD-Wähler zu den Modernisierungsskeptiker eingeordnet werden können, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die AfD sei also ganz überwiegend von Menschen gewählt worden, "die der sozialen und kulturellen Modernisierung zumindest skeptisch gegenüberstehen", teilte der Studienautor Robert Vehrkamp mit.

Damit habe die AfD ein Alleinstellungsmerkmal im Parteispektrum. Denn die Wähler aller anderen Parteien gehören laut Studie mehrheitlich den Milieus der Modernisierungsbefürworter an. Dies gilt demnach für 52 Prozent der Unionswähler und für 56 Prozent der SPD-Wähler. Bei der FDP liegt der Anteil bei 59 Prozent, bei der Linken bei 62 Prozent und bei den Grünen sogar bei 72 Prozent.

28 Prozent im sozial prekären Milieu wählten AfD

Die soziale Spaltung der Wählerschaft sei hingegen das erste Mal seit 1998 wieder wieder "spürbar" geringer geworden, gerade weil, die AfD in wirtschaftlich schwächeren Bezirken viele ehemalige Nichtwähler zur Stimmabgabe motivieren konnte. Lag die Wahlbeteiligung in wohlhabenderen Wahlbezirken 2013 noch 29,5 Prozentpunkte über dem ärmerer Bezirke (84,5 zu 55 Prozent), waren es 2017 nur noch 26,7 Prozentpunkte (87 zu 60,3). Im sozial prekären Milieu habe die AfD mit 28 Prozent ihr stärkstes Ergebnis erzielt. "In keinem anderen Milieu ist der Erosionsprozess der etablierten Parteien und die Dominanz der Nicht- und Protestwähler so weit fortgeschritten wie im prekären Milieu", sagte die Studienautorin Klaudia Wegschaider.

Beim Kampf um das Milieu der "Bürgerlichen Mitte" machte die AfD der Studie zufolge vor allem CDU und CSU Konkurrenz. So gewannen die Rechtspopulisten in dieser Gruppe mit 20 Prozent der Stimmen rund 15 Prozent hinzu, während die Union dort genauso viel einbüßte. Damit erlitt sie laut Studie den größten Verlust aller Parteien in einem einzelnen Milieu.

Die Studie bezieht sich auf die sogenannten Sinus-Milieus und unterteilt die Wähler dabei nach sozialer Lage, Werthaltungen, Lebensstilen und Grundorientierungen und ordnet sie an Hand dessen in Kategorien wie etwa "Konservativ-Etablierte", "Liberal-Intellektuelle", "Prekäre" oder "Traditionelle" zu. Zusätzlich befragten die Wissenschaftler nach der Wahl knapp 10.300 Personen aus repräsentativen Stimmbezirken zu ihrem Wahlverhalten.

Bei der Bundestagswahl am 24. September war die AfD mit 12,6 Prozent der Stimmen erstmals in den Bundestag eingezogen. Die bisherigen Koalitionspartner CDU/CSU und SPD verloren dagegen dramatisch an Zustimmung. Die Sozialdemokraten kündigten deshalb an, in die Opposition zu gehen. Somit ist nur noch eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen möglich.

Wahlverhalten - Wer AfD und FDP seine Stimme gab ZEIT-ONLINE-Datenjournalist Sascha Venohr fasst im Video zusammen, wohin die Wähler bei der Bundestagswahl wanderten. © Foto: Zeit Online