Am frühen Nachmittag gab die sächsische Staatskanzlei eine dürre Ankündigung heraus: Ein Statement von Ministerpräsident Stanislaw Tillich sei zu erwarten. Allein das war schon eine mittelgroße Sensation. Denn "Statement" ist kein Wort, das man während der Regierungszeit von Stanislaw Tillich allzu oft mit ihm in Verbindung gebracht hat.

Wenn sich Tillich in Krisenzeiten – und diese wurden in Sachsen, Ursprung von Pegida und Kernland der AfD, in den vergangenen drei Jahren zum Dauerzustand – an die Öffentlichkeit wandte, fielen seine Worte in etwa so aus: Wird schon wieder. Wir Sachsen sind ein stolzes Volk. So einfach lassen wir uns nicht unterkriegen.

Dabei ist der Freistaat nach der Bundestagswahl, bei der die AfD als stärkste Kraft abschnitt, mehr denn je erschüttert. Im Dresdner Regierungsviertel rumort es ebenfalls. Das sächsische Bildungsministerium ist unbesetzt, seit die zuständige Ministerin kurzfristig ihren Rücktritt erklärt hat, "aus privaten Gründen".   

Damit ist ein Punkt erreicht, an dem auch Tillich nicht einfach so weitermacht: Anfang Dezember, sagte der 58-Jährige ernst und angespannt, werde er sein Amt nach neun Jahren niederlegen, außerdem seine Funktion als CDU-Landesvorsitzender aufgeben. Es dauerte ein paar Sekunden, bis seine Worte sackten. Kündigte er da wirklich gerade seinen Rücktritt an? Ja, nicht weniger als das. Zwei Jahre vor der nächsten Landtagswahl in Sachsen.

"Stanislaw Tillich, der Sachse"

Die erste Reaktion war ein vielstimmiges Stammeln: Unglaublich! Krass! Man kann das durchaus einen Schock nennen. Zumindest nach freistaatlichen Maßstäben. Weil Rücktritte, Postenwechsel, auch nur minimale Veränderungen der Regierungstaktik und -struktur hierzulande einfach nicht zum politischen Betrieb gehören. In Sachsen, dem ehemaligen Königreich, bleibt am besten alles, wie es war. So hielt es bisher jedenfalls auch gern die sächsische CDU, die seit dem Mauerfall kontinuierlich regiert.

"Stanislaw Tillich, der Sachse" – mit diesem schlanken Slogan machte Tillich 2009, kurz nach seinem Amtsantritt, Wahlkampf für die CDU. Schon damals eine klare Ansage, welchen Kurs man verfolgt: Hier regiert der Heimatstolz. In der Partei, auch in der Wählerschaft, sahen das viele gern – nach den Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt, beide damals westdeutsche Polit-Koryphäen, war Tillich endlich einer von hier. Dieses Bekenntnis war hier jahrelang größere Buchstaben wert als politische Programme.

In jenen Anfangsjahren hatte Tillich den Bonus des smarten Prinzen. Ein lieber Onkel, bodenständig, ein Aufsteiger aus den eigenen Reihen. Bis vor Kurzem wohnte der Sorbe mit seiner Familie in seinem Elternhaus auf einem Lausitzer Dorf. Vielleicht sei er ein wenig blass und führungsschwach, krittelten selbst Anhänger. Dafür aber verbunden mit der Region, schoben sie gleich hinterher. In den lauen Jahren von Tillichs Amtszeit reichte dieses Portfolio, um sich auf seinem Posten sicher zu fühlen, zumindest oberflächlich. Zu der ein oder anderen Krise, die aufkam – etwa Elbehochwasser, die viel Schaden im Freistaat anrichteten –, passten seine Auftritte: Wir Sachsen, wir schaffen das!

Es waren keine schlechten Jahre für das Bundesland. Zumindest konnte man sich für die eigene Hardware rühmen, für die solide Wirtschaftsleistung, als Bayern des Ostens. Darauf war Tillich stolz. Doch diese Erfolge wurden zu seinem Ruhekissen. Er sang das Loblied der Region, pries Leuchttürme von Technik und Innovation, selbst als sich in Sachsen Probleme ganz anderer Kaliber auftaten: Im Herbst 2014 marschierte Pegida zum ersten Mal durch Dresden, bald wuchs die Menge auf Zehntausende. Aus Sachsen, dem Streber im Osten, wurde das Land der allgemeinen Verunsicherung.