Man sehnte sich nach klaren Worten und schaute zum Ministerpräsidenten. Doch der blieb blass und meistens stumm. Wohl stand auch Stanislaw Tillich mal hier, mal da als Redner bei Kundgebungen gegen Pegida und Co. auf der Bühne. Doch auch dort hörte man nie ein markiges Statement von ihm, sah keine überzeugende Haltung geschweige denn Ideen, wie es im Freistaat denn nun weitergehen soll. Stattdessen: Kopf hoch, wird schon irgendwie.

Womöglich ahnte er das extreme Gefälle zwischen links und rechts in seinem Bundesland, hatte aber keine Lösung. Vielleicht wurde er nicht deutlich, weil er sich mit Ideen in den eigenen, traditionell sehr konservativen sächsischen CDU-Reihen nicht durchsetzen konnte. Vermutlich kam beides zusammen.

Kalt haben ihn die Unruhen in Sachsen nicht gelassen, die Schlagzeilen über die ständigen fremdenfeindlichen Proteste in seinem eigenen Hoheitsgebiet. In Heidenau oder zum Tag der Einheit vergangenes Jahr in Dresden musste Tillich sogar mit ansehen, wie Angela Merkel und andere Politiker bepöbelt wurden. Darüber sei Tillich durchaus schwer ins Grübeln gekommen, hörte man von ranghohen sächsischen Regierungsmitgliedern, aber auch aus anderen Parteien. Doch er fand selbst dafür keine öffentlichen Worte, keine Haltung. Der Sachse, er verstand seine Sachsen nicht mehr.

Paddelschläge eines hilflosen Herumruderers

Wahrscheinlich hätte er noch weitere Krisen schweigend ausgesessen. Doch dann kam die Bundestagswahl und das bekannte sächsische Endergebnis. Über Nacht wurde die stets so selbstbewusste CDU im Freistaat in ihren Grundfesten erschüttert. Selbst Rechtsaußen-Vertreter aus den eigenen Reihen verloren ihre Mandate haushoch an AfD-Kandidaten. 

Für Tillich und seine Partei hieß das: Katastrophenzustand. Der Druck kam unter anderem von der eigenen Basis, von Landräten, die Umbesetzung in der Regierung forderten. Und sogar von seinem Vorgänger Kurt Biedenkopf, der sich in einem Interview mit der ZEIT kürzlich wenig schmeichelhaft äußerte. Er weigerte sich zwar, dessen Arbeit zu bewerten, sagte jedoch, "die Art und Weise, wie Herr Tillich zögert, Entscheidungen zu treffen, will ich wirklich nicht kommentieren".

Tillichs erste Statements nach der Wahl klangen wie die Paddelschläge eines hilflosen Herumruderers. Ausgerechnet nachdem ihn eine andere Partei rechts überholt hatte, liebäugelte Tillich mit einem Rechtsruck der CDU, kritisierte die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin und sprach davon, dass "Deutschland Deutschland bleiben müsse". Der nette Onkel klang plötzlich wie ein böser. Es war ein letzter, wie so oft hilfloser Versuch, sich zu positionieren – wo auch immer. Kurz darauf hat Stanislaw Tillich sich selbst gekündigt.

Er wolle den Weg freimachen für jüngere Kräfte, sagte er in seiner Rücktrittserklärung – und brachte den sächsischen CDU-Generalsekretär Michael Kretschmer ins Spiel. Doch diese Personalie stünde allenfalls bedingt für einen konsequenten Neuanfang: Kretschmer gilt als politisches Talent, aber ebenso als CDU-Hardliner. Als solcher verlor er in seinem Görlitzer Wahlkreis sein Direktmandat an einen AfD-Kandidaten. Noch so ein Ausrufezeichen, das Stanislaw Tillich übersah. Insofern ist auch sein letztes Statement für ihn typisch: Von heute auf morgen wird Sachsen nicht umgekrempelt. Und bis dahin wird es schon irgendwie.