Sahra Wagenknecht hat zum schärfsten Mittel gegriffen. Sie hat gedroht. Wer in der Politik etwas bewegen will, schreibt üblicherweise ein Positionspapier, entwirft einen Zehnpunkteplan und lanciert ihn an die Medien, um Gegner unter Druck zu setzen. Wagenknecht aber schrieb den 69 Abgeordneten der neuen Bundestagsfraktion einen Brief: Solltet Ihr versuchen, den Einfluss der Fraktionsvorsitzenden zu beschneiden, müsst Ihr ohne mich auskommen. So offen hat bisher keiner gewagt, den innerparteilichen Machtkampf zu thematisieren.

In mehreren Anträgen sollte es bei der Klausur der Bundestagsfraktion in Potsdam um die Frage gehen, wie die Fraktion geführt werden soll. Durch ein Duo wie bisher von Wagenknecht und ihrem Co-Chef Dietmar Bartsch oder durch ein Quartett, dem auch die Parteivorsitzenden und Abgeordneten Katja Kipping und Bernd Riexinger angehören. Und ob Kipping und Riexinger nicht nur beraten dürfen, sondern auch Stimm- und Rederecht haben – also qua Amt, nicht durch Wahl. 

Viele aus dem Reformerlager um Bartsch finden es gut, die Partei auch in die Fraktion zu holen. Denn die beiden Kraftzentren der Linken arbeiten seit Langem nebeneinander her, Wagenknecht organisierte ihren Wahlkampf weitgehend autark, zu Anfang waren Unstimmigkeiten mit Riexinger und Kipping unübersehbar. Den Fraktionschefs die Parteivorsitzenden quasi beizuordnen, empfanden Wagenknecht und ihre Unterstützer allerdings als Angriff. Deshalb der Brief: Wenn die Fraktion auch Kipping und Riexinger Stimm- und Rederecht zubilligen würde, verzichte sie auf eine erneute Kandidatur, schrieb Wagenknecht. Einen Tag lang herrschte Chaos in der Linksfraktion.

Reden in der Wartschleife

Dabei ist die Ausgangslage für die Linke nach der Bundestagswahl ohnehin schon schwierig: Dass Jamaika scheitert und die SPD doch noch in die Regierung einsteigt, ist unwahrscheinlich. Die Linke ist daher von der Oppositionsführerin zur kleinsten Oppositionsfraktion degradiert – und das, obwohl sie im Vergleich zur Wahl 2013 leicht dazugewinnen konnte. Im Bundestag stehen ihre Redner künftig in einer Warteschleife hinter der schwarz-gelb-grünen Koalition, der SPD und den Neulingen von der AfD. Sie würden ans Mikrofon treten, wenn erfahrungsgemäß außer der eigenen Fraktion kaum noch jemand zuhört.

Im Osten Deutschlands hat die Linke eine halbe Million Stimmen verloren, die Anhängerschaft ist überaltert. Der derzeitige Zuwachs unter den jungen Leuten im Westen kann das nicht dauerhaft kompensieren. Und bei den Wahlen 2017 in Niedersachsen und NRW fehlten trotz starker Steigerung stets entscheidende Zehntelpunkte bis zur Fünfprozenthürde, auch in Schleswig-Holstein blieb die Linke draußen.

Außerdem ist da eine inhaltliche Debatte, die an ihrem Selbstverständnis nagt. Spätestens im Wahlkampf ist bei vielen der Akteure angekommen, dass der Ruf der Linken nach offenen Grenzen nicht folgenlos bleibt. Oskar Lafontaine hatte der Parteispitze vorgeworfen, vor lauter Offenheit für Flüchtlinge die Arbeitslosen zu vergessen. Der Abgeordnete Andrej Hunko erlebte das im Haustürwahlkampf: Er traf eine Familie, in deren direkter Nachbarschaft mehrere Syrer wohnte. Die hätten ein Auto besessen, was die Deutschen ihnen neideten, sagt Hunko. "Das waren deshalb nicht gleich Rassisten." Die Frage, warum die Flüchtlinge das haben, wofür die Alteingesessenen lange arbeiten müssen, hält Hunko für berechtigt. Auch sein Fraktionskollege Klaus Ernst sagt: Wenn Menschen sozialen Abstieg fürchten oder wirtschaftlich bereits schlecht dastehen "und dann Zuwanderer kommen, dann haben wir ein Problem". Ernst beschreibt das Dilemma seiner Partei: zu versprechen, die Lage der Menschen zu verbessern, es aber nicht zu schaffen, weil die Gestaltungsmacht fehlt.