Parteichefin Kipping versucht ihrer Partei klarzumachen: Wann immer "Deutsche versus andere" der zentrale Konflikt sei, verliere die Linke. "Wenn die Obergrenze bei Geflüchteten zum Hauptthema wird, hat es die Rechte leichter", sagt Kipping. Sie hat am Wochenende in einer engagierten Rede vor dem Parteivorstand verdeutlicht, dass die Welt nicht allein in Arm und Reich trennbar ist, dass sich die Zielgruppen der Partei immer stärker überschneiden. Ihre Analyse: Sowohl unter den Gewinnern und den Verlierern der Modernisierung befinden sich Arbeiter, aber auch die Angehörigen des weltoffenen, urbanen Milieus, die prekären Jobs nachgehen. Die Parteichefin versucht das Bewusstsein für all diese Wählergruppen zu schärfen. Die Welt ist auch für die Linke komplizierter geworden. Antworten sucht sie noch.

Wie etwa klar werden soll, wer die wirklich linke Opposition im Bundestag wird, wenn dort neben der Linken nun die SPD sitzt, ist auf der Fraktionsklausur in einem abgelegenen Hotel am Ufer der Havel vorerst offen geblieben.

Zu stark ist die Partei und damit auch die Fraktion nach all den Rückschlägen mit sich selbst beschäftigt: "Wir zerren aneinander, weil wir uns gegenseitig von der richtigen Richtung überzeugen wollen", sagt Kipping. Wagenknecht beklagte eine "offene Kampagne gegen die bisherige Fraktionsspitze" und entgegnete in ihrer schriftlichen Kampfansage an die Parteichefs, Kipping wolle die Fraktionsspitze "mit Abgeordneten ihres Vertrauens einmauern". Entstanden ist eine Situation, in der es nur noch Verlierer geben kann. Für die Wähler wird das Gezerre um Fraktionsvorsitz, Parteivorsitz, Stimm- und Rederecht kaum nachvollziehbar sein.

Nur noch Verlierer

Im Verlauf der Tagung kamen Teilnehmer vor die Tür, die am Buffet Kaltgetränke dem Kaffee vorzogen – so hitzig sei die Diskussion, gaben sie zu. Ein Bad in der Havel draußen vor dem Hotelgarten hätte gutgetan.

Gregor Gysi, heute einfacher Bundestagsabgeordneter und Chef der europäischen Linken, verbreitete den Kompromissvorschlag, die Parteichefs sollten im Fraktionsvorstand Stimmrecht erhalten. Der Erstzugriff auf das Rednerpult im Plenarsaal solle jedoch Wagenknecht und Bartsch vorbehalten bleiben – so hätten auch die Fachpolitiker der Fraktion ab und zu im Plenarsaal zu Wort kommen können. Eine Idee, die in einem Krisengespräch der Fraktions- und Parteichefs unter acht Augen aber durchfiel.

Man einigte sich darauf, den Parteichefs ein "herausragendes Rederecht" im Plenarsaal einzuräumen – in der Runde nach Wagenknecht oder Bartsch könnten dann immer noch Kipping oder Riexinger ans Pult treten. Den beiden Parteichefs Stimmrecht im Fraktionsvorstand zuzubilligen, dazu konnten sich Wagenknecht und Bartsch nicht durchringen. Es hätte ihre Teilentmachtung bedeutet.

Am Ende wurde Wagenknecht mit 75 Prozent der Stimmen zur Fraktionschefin gewählt, 2015 hatte sie noch 78 Prozent erhalten. Bartsch brach im Vergleich zu 2015 um zwölf Punkte ein, er erhielt 80 Prozent. Wagenknecht hat die gesamte Fraktion mit ihrem Drohbrief diszipliniert. Aber sie hat jetzt ihre schärfste Waffe verpulvert. Die Rücktrittsdrohung, die man nur einmal nutzen darf, will man sich konsequent verhalten und keine Schwäche zeigen.