Pünktlich um zwölf erhebt sich eine Abgeordnete aus den hinteren Reihen. Sie hat eine Frage an die Regierungschefin, es geht um die wirtschaftliche Entwicklung im Norden des Landes. Bevor die Regierungschefin antworten kann, rufen die Abgeordneten im Plenum laut durcheinander, wie so oft. Der Parlamentspräsident muss um Ruhe bitten. "Ich habe noch 32 weitere Fragen und ich will die Antworten hören!", ruft er.

Diese Szene vom 18. Oktober stammt nicht aus dem deutschen Bundestag. Es sind nicht Angela Merkel und eine CSU-Abgeordnete, die sich hier austauschen, sondern die britische Premierministerin Theresa May und die konservative Abgeordnete Esther McVey bei der Prime Minister's Questions im britischen Unterhaus.

Geht es nach den Fraktionen von SPD und Linkspartei, sollen sich ähnliche Szenen bald auch regelmäßig in Berlin abspielen. Hier wird es im Parlament nicht oft so laut wie in London, Hinterbänkler stellen hier selten Fragen an die Kanzlerin.  

SPD und Linkspartei haben nun in der ersten Sitzung des neuen Bundestages gefordert, das Fragerecht im Parlament zu reformieren: Mindestens viermal im Jahr soll die Kanzlerin zu einer Befragung anwesend sein, die Themen der Fragestunde sollen von der Opposition bestimmt werden.

"Diese Debatten in Großbritannien sind manchmal Sternstunden"

"Der Bundestag muss wieder zur zentralen Bühne der politischen Auseinandersetzung werden und nicht Talkshows im Fernsehen oder Einzelinterviews von Journalisten", sagte der neue Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Carsten Schneider. 

Bisher gehört die Befragung der Regierung im Bundestag nicht zu den Sternstunden des Parlaments. In Sitzungswochen können Abgeordnete am Mittwoch nach der Kabinettssitzung 35 Minuten lang über die dort besprochenen Regierungsvorhaben "Auskunft erhalten", heißt es. In der Praxis sucht sich die Regierung also das Thema der Befragung selbst aus. Dann gibt es noch die anschließende Fragestunde. Für diese können Abgeordnete Fragen an die Bundesregierung einreichen, in der Fragestunde lesen Staatssekretäre dann die Antworten ab. Minister lassen sich selten blicken, Angela Merkel war noch nie da. Sie beantwortet lieber zweimal im Jahr in der Bundespressekonferenz Fragen von Journalisten.

Als Vorbild für eine Reform gilt vielen die Befragung im britischen Unterhaus. Ist die Premierminsterin in London, stellt sie sich mittwochs den Fragen aller Abgeordneten. Die Frage müsen vorher nicht angemeldet werden, die Regierungschefin hat demnach kein Skript vorliegen und sie kann sich auch nicht vertreten lassen. Die Medien berichten breit über jede der Befragungen, im Internet geraten manche Rededuelle zu Hits. "Diese offenen Debatten sind in Großbritannien manchmal Sternstunden des Parlamentarismus", sagt der Politikwissenschaftler Stefan Schieren von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er hat sich lange mit dem britischen und deutschen politischen System beschäftigt. Schieren würde sich eine Reform der Fragestunde im Bundestag wünschen.