Mancher Teilnehmer der ersten Jamaika-Gespräche dürfte an diesem Mittwoch eine Art Déjà-Vue-Erlebnis gehabt haben. Ziemlich genau vier Jahre ist es her, da trafen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer, der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir und Grünen-Fraktionschefin Kathrin Göring-Eckardt schon einmal in dem altehrwürdigen Gebäude der Parlamentarischen Vertretung in Berlin direkt gegenüber dem Reichstag. Damals prüften sie die Möglichkeiten eines schwarz-grünen Regierungsbündnisses. Am Ende stand fest: Es wird nichts. Die Gegensätze waren zu groß. 

Nun unternehmen Schwarze und Grüne einen erneuten Anlauf, eine gemeinsame Regierung zu bilden. Nach dem ersten, gut dreistündigen Gespräch stellte CDU-Generalsekretär Peter Tauber immerhin fest: "Es ist uns ernst." Alle Parteien seien gewillt, Trennendes zu überwinden, auch wenn sie dabei noch ein gutes Stück Weges vor sich hätten. Ganz ähnlich äußert sich der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Michael Kellner. "Gut und konstruktiv", nannte er die Gespräche.

Dabei ist die Lage noch deutlich komplizierter als 2013. Denn diesmal reicht es bekanntlich nicht für Schwarz-Grün. Deshalb müssen auch noch die Liberalen mitmachen. Mit denen hatte sich die Verhandlungsrunde der Union bereits mittags getroffen.   

Fremdheit auch bei FDP und Union

Auch da war hinterher die Rede von einem "guten, konstruktiven Austausch". CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer geriet sogar regelrecht ins Schwärmen. Die zwei Stunden seien geprägt gewesen von "gegenseitigem Verständnis und Miteinander", sagte er. Man habe, so beschreibt Scheuer diese erste Annäherung, "das Visier des Wahlkampfes hochgeklappt". Zu den Gesprächen mit den Grünen äußerte er sich dann wesentlich nüchterner: "Okay" sei die Atmosphäre gewesen.

Dass die Gespräche zwischen Union und FDP einfacher werden würden als mit den Grünen, war schon vorher absehbar gewesen. Vor allem in Fragen der Steuer-, Sozial- oder Umweltpolitik gibt es zwischen den Parteien, die jahrzehntelang zusammen die Geschicke der Bundesrepublik gelenkt haben, immer noch eine große Nähe.

Zugleich aber ist die Vertrautheit zwischen Union und Liberalen schon personell längst nicht mehr so groß, wie sie einmal war. Parteichef Christian Lindner war zu Beginn der letzten schwarz-gelben Koalition zwar zwei Jahre lang Generalsekretär, doch andere im Kernverhandlungsteam der Liberalen sind Neulinge in Berlin.

Schwarz-gelbe Traumata

Wolfgang Kubicki, Parteichef aus Schleswig-Holstein, prägt die FDP-Politik zwar seit Jahrzehnten mit, doch bisher tat er das stets als Landespolitiker. Und die aus Hessen stammende Generalsekretärin Nicola Beer übernahm das Amt erst nach der Wahlniederlage der FDP 2013. Dem Bundestag gehört sie erst seit dieser Legislaturperiode an. 

Zudem haben viele Liberale die letzte gemeinsame Regierungszeit mit der CDU, an deren Ende die FDP aus dem Bundestag flog, als traumatische Erfahrung in Erinnerung. Grund für den Misserfolg damals – so sehen es heute viele – war auch, dass man sich zu leichtgläubig in das Bündnis mit den vermeintlichen Freunden stürzte und während der Koalitionsverhandlungen viele FDP-Projekte nicht genau genug festlegte. Hinterher wurde dann nichts daraus.

Das soll den Liberalen nun nicht noch einmal passieren. Dass die Jamaika-Koalition für die FDP eine Möglichkeit aber kein Muss sei, wiederholt Lindner deshalb ständig. Entsprechend zurückhaltend äußerte sich auch Generalsekretärin Beer nach dem heutigen Treffen. Zwischen Berlin und Jamaika lägen ja bekanntlich 8.500 Kilometer, sagte sie. Auf diesem Weg habe man heute die ersten Schritte gemacht. Mehr aber auch nicht.

Ende offen

Wie lange die Regierungsbildung dauern wird, ist völlig offen. Man habe zwar Themen angesprochen, sei aber noch nicht "in die Vertiefung gegangen", sagte Scheuer nach dem Treffen mit den Liberalen. Ähnlich dürfte es mit den Grünen gewesen sein. Zunächst geht es nun darum, wie man die Sache technisch und organisatorisch anpackt. Am Donnerstag wollen sich Grüne und FDP zu Zweiergesprächen treffen. Ab Freitag wird dann mit allen vier Parteien in großer Runde sondiert.

Vor allem die CSU hat ein Interesse daran, dass zügig verhandelt wird. Sie will wissen, ob sie ihren für Mitte November geplanten Parteitag verschieben muss oder nicht. Ist vorher absehbar, dass die ungleichen Partner nicht zusammenfinden, bleibt es bei dem Termin. Sieht es gut aus, soll das Treffen verschoben und dann dort gleich der fertige Koalitionsvertrag abgestimmt werden.

Letzteres wäre sicher auch für Parteichef Seehofer die besserer Variante. Denn auf dem Parteitag wird es auch um seine persönliche Zukunft gehen. Je später er stattfindet und je besser die Ergebnisse, die er dort präsentieren kann, desto höher sind seine Chancen, sich an der Spitze der Partei und des Freistaates zu halten. Dass Seehofer ernsthaft an einem Erfolg von Jamaika interessiert ist, zeigt auch sein Besuch in der Parteizentrale der Grünen am Tag vor dem offiziellen Beginn der Gespräche. Anderthalb Stunden saß er mit den Spitzenkandidaten Göring-Eckardt und Özdemir zusammen. Da man ja nun viele Wochen zusammen verbringen werde, gehöre es sich, dass man sich man sich kennenlerne, begründet Seehofer die Aktion anschließend.