Mit wachen Augen mustert Lars Klingbeil die Journalisten auf seiner ersten Pressekonferenz als designierter Generalsekretär. Er habe so einiges über sich gelesen in den vergangenen Tagen, sagt der 39-Jährige freundlich: "Es stimmt: Ich bin Niedersachse, ich habe meinen Wahlkreis bei der Bundestagswahl zum ersten Mal seit 1998 für die SPD direkt gewonnen." Er sei Digitalpolitiker und stecke voller Ideen für eine Rundumerneuerung in der Oppposition. 1,90 Meter groß und von stämmiger Statur, habe ihn ein Journalist mit einer "Schrankwand" verglichen, berichtet Klingbeil. Auch dem habe er nichts hinzuzufügen: Für die Politik sei Robustheit ja nichts Schlechtes.

Seit Montag ist offiziell, dass Klingbeil SPD-Generalsekretär werden soll. Parteichef Martin Schulz hat den Abgeordneten aus der Kleinstadt Munster zwischen Hannover und Hamburg für das Amt vorgeschlagen. Der 39-Jährige stehe für einen "echten Generationswechsel" und könne die Partei beim Thema Digitalisierung gut nach außen vertreten, sagt Schulz. Außerdem komme Klingbeil aus einer ländlichen Gegend – wo er für die SPD erfolgreiche Politik mache. Auch hier könne die Partei von ihm lernen.

Das Amt des Generalsekretärs ist einer der wichtigsten Jobs, den die SPD in Oppositionszeiten zu vergeben hat. Ein Generalsekretär spitzt inhaltlich zu, er setzt Themenschwerpunkte, wirkt nach innen an die verunsicherte Basis, und er wird die Aufgabe haben, möglichst originell und einprägsam gegen die noch zu bildende Jamaika-Regierung zu stänkern. Er muss der SPD Aufmerksamkeit bringen, er soll verloren gegangene Wähler zurückholen – und auch die zerstrittene SPD einen. Es ist ein vielseitiger Job, aber eben auch ein sehr anspruchsvoller.

Eine neue Farbe für die SPD?

Das Parteipräsidium ist dem Personalvorschlag am Montag einstimmig gefolgt, aber Klingbeil muss auf dem SPD-Parteitag im Dezember noch von den Delegierten in sein Amt gewählt werden. Bis dahin muss der Streit um die Personalie verflogen sein: Auch die Frauen und Linken in der SPD hätten sich einen Vertreter der ihren auf diesem wichtigen Posten gewünscht.

Klingbeil weiß das. "Ich bin jetzt erst mal der Vorschlag des Präsidiums", sagt er. Bis zum Bundesparteitag wolle er sich das Vertrauen der ganzen Partei erarbeiten. Er wolle bei den ab diesem Wochenende beginnenden acht Regionalkonferenzen zur Aufarbeitung der Wahlniederlage vor allem zuhören und dann schauen, wie die dort geäußerten Vorschläge mit seinen eigenen Ideen zu einer Erneuerung der SPD zusammengehen.

Klingbeil ist ein sehr umgänglicher und freundlicher, stets gut gelaunter Genosse. Und dabei äußerst machtbewusst. Nach der unerfreulichen Wahl brachte er sich offen für einen führenden Posten ins Spiel. "Meine Generation wird jetzt mehr Verantwortung übernehmen", sagte er ZEIT ONLINE noch am Wahlabend.

Eigene Ideen für den sozialdemokratischen Neuanfang hat er eine Menge. So denkt Klingbeil über ein modernes Erscheinungsbild für die SPD nach. Er schließt nicht aus, dass damit auch die Parteifarbe, das Parteilogo und das Setting für die Pressekonferenzen in der Parteizentrale und Parteitage gemeint sein könnten. Viele junge Genossen wünschen sich hier ein bisschen mehr Innovation. Als Negativbeispiel wird häufig auch die Plakatkampagne zur Bundestagswahl genannt, auf der eine Facharbeiterin im Blaumann und mit Schutzbrille sowie ein Kind vor Hausaufgaben zu sehen war. Sehr klassisch, kein Hingucker, sondern sozialdemokratisch langweilig sei das gewesen.

Vorschläge per Whatsapp

Klingbeil will außerdem über "neue Formate" für seine Partei nachdenken. Dem Mitbegründer des Digitalvereins D64 ist es ein Herzensanliegen, die doch oft noch sehr analog daherkommende SPD-Zentrale für das digitale Zeitalter aufzustellen. Auch in seinem ländlichen Wahlkreis wirbt er mit "schnellem Internet in jedem Haus". Am Montagmittag postete der Politiker sein Konterfei auf Twitter, daneben eine Handynummer: Vorschläge für die Runderneuerung der SPD nehme er – der designierte Generalsekretär – ab sofort per Whatsapp entgegen.

Der SPD müsse zu denken geben, dass soziale Gerechtigkeit viele Bürger nach wie vor umtreibe, wie auch Umfragen nach der Bundestagswahl zeigten, sagt Klingbeil. Warum sei aber die Partei damit nicht durchgedrungen? Er will sich die besonders erfolgreichen Wahlkreise der SPD bei der Bundestagswahl daher genau anschauen. Mehrere Genossen, die entgegen dem Bundestrend ein Direktmandat für die SPD errungen haben, berichten nämlich hinter vorgehaltener Hand, sie hätten kein Kampagnenmaterial aus dem Willy-Brandt-Haus eingesetzt, sondern sich auf ihr Bauchgefühl verlassen und zum Teil einen ganz anderen Wahlkampf gemacht als "die da in Berlin".

Klingbeil kennt seine Pappenheimer von der SPD gut. Er war mal stellvertretender Juso-Vorsitzender, seit 2009 sitzt er im Bundestag, machte dort Verteidigungs- und Digitalpolitik. Zuletzt leitete er die parteiintern mächtige Landesgruppe der niedersächsischen Abgeordneten in der SPD-Fraktion. Diese Gruppe äußerte zum Beispiel im Jahr 2016 früh Unbehagen, ob der unbeliebte Sigmar Gabriel wirklich Kanzlerkandidat werden sollte. Später übernahm tatsächlich Martin Schulz, dessen Wahlergebnis aber zur Enttäuschung vieler nicht viel besser ausfiel als Gabriels Umfragewerte damals.

Zum Wahlsieger Stephan Weil, Ministerpräsident in Niedersachsen, hat Klingbeil ein gutes Verhältnis, im Bundestagswahlkampf schaute auch Gerhard Schröder bei einer Diskussionsveranstaltung mit dem 39-Jährigen in Rotenburg vorbei. Klingbeil gehört zum konservativ-pragmatischen Flügel der Partei. Vor allem unter den eher jungen Funktionären ist er aber flügelübergreifend sehr gut vernetzt.

Seine SPD wünscht er sich weniger griesgrämig. "Ich stehe für einen Weg, der durch Opimismus gezeichnet ist", sagt Klingbeil. In den letzten Wochen des Wahlkampfes sei von konservativer Seite "viel Weinerlichkeit und Angstmacherei" zu erleben gewesen: "Das ist meine Art nicht."

Seinen erklärten Optimismus wird Klingbeil brauchen können. Vor allem die älteren Semester in der SPD sehen den nun angestoßenen Veränderungsprozess skeptisch – sie fremdeln mit der digitalen Welt. Ausdrücklich betont Klingebil daher, er wolle niemanden ausschließen. "Das, was gut war, bleibt. Was nicht gut war, werden wir verändern", verspricht er.