Der Brexit, die Wahl des US-Präsidenten und das Erstarken der AfD sind die meistgenannten Gründe für den Eintritt in eine Partei. Eine Umfrage von ZEIT ONLINE in den Parteizentralen zeigt, dass auch nach der Bundestagswahl mehr Menschen als sonst Aufnahmeanträge stellten. So verzeichnete die mit 443.000 Mitgliedern größte Partei Deutschlands, die SPD, nach der Wahl am 24. September binnen zwei Wochen 4.157 Online-Eintritte. Das ist vergleichsweise viel: Denn von Anfang des Jahres bis Ende September traten nach Angaben der Parteizentrale 25.000 Menschen neu ein, im Monatsschnitt also knapp 2.800.

Auch die CDU spricht von einem "Anstieg bei den Onlineanträgen nach der Wahl", will dies aber nicht beziffern, weil die Eintritte in den Ortsverbänden erfolgten und noch nicht zentral erfasst seien. Von Jahresbeginn bis Ende August traten der CDU den Angaben nach 9.905 Menschen bei. Das sind deutlich weniger als bei der SPD, bei etwa gleicher Gesamtmitgliederzahl.

In die Linke mit ihren derzeit knapp 62.000 Mitgliedern traten seit der Wahl 1.816 Menschen ein. Seit Jahresbeginn entstand ein Nettozuwachs von 2.634 Mitgliedern – hierbei sind im Unterschied zu SPD und CDU die Austritte und Todesfälle bereits berücksichtigt.

Die FDP mit ihren 63.000 Mitgliedern zählte in der Woche um die Bundestagswahl herum 2.000 Aufnahmeanträge. Das ist ein Viertel der 8.000 Eintritte, die seit Jahresbeginn erfolgten. Die Zahl der Onlineaufnahmeersuchen von 2017 überschreite bereits jetzt den Wert des gesamten Rekordjahres 2009, teilte die Partei mit.

Auch die Grünen sprechen von "überproportional vielen" Eintritten – seit der Wahl knapp 1.600, etwa 1.800 weitere hätten Interesse bekundet. Zum Vergleich: Im ersten Quartal 2017 traten etwa 500 Menschen ein. Mit mehr als 62.000 Mitgliedern sind die Grünen etwa ebenso groß wie Linke und FDP.

Auch die AfD mit ihren derzeit etwa 28.000 Mitgliedern wächst, wenn auch aus anderen Gründen: Seit der Wahl hätten knapp 900 Menschen die Aufnahme beantragt, sagte ein Sprecher. Das sei in der Mitgliederkurve "ein kleiner Peak" nach oben. Das Hauptmotiv sei die Aussicht der Partei auf Mitwirkung im Bundestag. Im gleichen Zeitraum seien aber 300 Menschen ausgetreten. Ob dieser Wert überdurchschnittlich hoch ist und mit dem Austritt der einstigen Parteichefin Frauke Petry zusammenhängt, konnte der Sprecher nicht sagen.  

Onlineantrag heißt nicht gleich Aufnahme

Die Eintritte der Parteien entsprechen nicht dem Nettozuwachs der Mitgliederzahlen, denn Todesfälle und Austritte sind bei den meisten Parteien noch nicht berücksichtigt. Auch bedeutet ein Eintritt etwa über das Onlineformular nicht automatisch eine Aufnahme in die Partei, da Bearbeitungs- und Probezeiten zu berücksichtigen sind. Das gilt für alle Parteien, darauf weisen insbesondere die Grünen hin und die AfD.

Die bisher im Bundestag vertretenen Parteien profitieren von den politischen Entwicklungen der vergangenen Monate und Jahre: "Der gravierende Rechtsruck im deutschen Bundestag bereitet vielen Menschen Sorge und schlägt sich bei uns in überdurchschnittlich vielen Neueintritten nieder", sagte eine Parteisprecherin der Grünen. Die Grünen würden "umso entschlossener die Stimme erheben".

Die SPD registrierte "die ersten Eintrittswellen" nach der Brexit-Entscheidung 2016 in Großbritannien und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. "In der Nacht der Wahl in den USA hatten wir zehnmal so viele Online-Eintritte wie sonst", sagte ein Sprecher. Viele Neumitglieder nannten demnach auch den aufkommenden Nationalismus als Motiv. So habe "das Aufkommen der AfD" viele Menschen bewogen, einzutreten. Eine große Eintrittswelle habe es nach der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten gegeben.

Auch die Linke sieht mehrere Faktoren: Einerseits bestehe bei "vielen jungen Menschen in Deutschland" der Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft. Zudem profitiere die Linke in gewisser Weise auch vom Einzug der AfD in den Bundestag, sagte eine Sprecherin.

Auf ein stärkeres Interesse an politischer Mitwirkung deutet auch eine weitere Entwicklung hin: Bei der Bundestagswahl und den jüngst vergangenen Landtagswahlen war auch die Wahlbeteiligung wieder gestiegen.