Die SPD hat eine lange Geschichte. Das wird immer wieder gerne thematisiert. Und dann wird das Steigerlied intoniert. Ich würde mal behaupten, dass junge Wählerinnen und Wähler an Bergbauromantik heutzutage herzlich wenig Interesse haben.

Die SPD hat die Bundestagswahl krachend verloren, mal wieder. Die Rituale danach kennt man schon. Es geht um Geschlossenheit, um einen Neuanfang, ums Zuhören, neuerdings. Allerdings hat sich in den letzten zehn Jahren nichts getan, was die SPD auf Bundesebene wieder attraktiver machen könnte. Die SPD wurde von Männern um die 60 dominiert und hat sich damit personell und inhaltlich verengt.

Es geht jetzt, ehrlich gesagt, auch nicht darum, ob die SPD linker oder rechter werden sollte, sondern es geht erst einmal darum, dass die SPD wieder in die Lage versetzt wird, agiler zu werden. Nur so kann sie zeitgemäße Politik machen.

Die SPD muss wieder Debatten vorantreiben, die breite gesellschaftliche Resonanz haben. Die SPD muss wieder modern sein und nicht weiterhin mit ihren Ritualen und ihrem Sprachgebrauch tief im 20. Jahrhundert stecken bleiben. Vor allem aber muss die SPD endlich wieder Zukunftskonzepte entwickeln, die sich nicht im technokratischen Klein-Klein verheddern, sondern vielen Menschen ein Bild davon vermitteln, was die SPD vorhat und warum es sich lohnt, die SPD dabei zu unterstützen und dafür zu kämpfen. Natürlich muss die SPD dabei auch Zielgruppen jenseits der klassischen Arbeiter- und Angestelltenmilieus ansprechen. Die Gesellschaft und die Wirtschaft verändern sich, dementsprechend muss auch die SPD in der Lage sein, diesen Veränderungen Rechnung zu tragen und neue Angebote zu entwickeln.

Das geht aber nicht mit den antiquierten Strukturen der SPD, die vor allem darauf ausgerichtet sind, dass möglichst keine Veränderung entsteht. Der Laden muss mal wieder gut durchgelüftet werden. Die Debatte dazu führen wir jetzt, bevor es zu spät ist.

In den Führungsgremien sollte jeder Vierte jünger als 35 sein

Die Basis-Initiative SPD++ hat eine Reihe von Anträgen vorgelegt, die dafür sorgen werden, dass die SPD aus der Krise endlich mal eine Chance macht. Die Partei muss es schaffen, die vielen Mitglieder zur Mitarbeit zu bewegen, für die, aus welchen Gründen auch immer, der Ortsverein kein attraktives Format für die politische Arbeit ist. Dafür bieten sich natürlich digitale Mitmachmöglichkeiten an, die dann über Themenforen auch in Anträgen auf Parteitagen münden sollen. Natürlich müssen Themenforen dann auch in der Lage sein, Delegierte zu Parteitagen zu entsenden. Das Potential ist gigantisch, wenn die Teilhabe an politischen Prozessen innerhalb der SPD verbreitert wird.

Ich bin vor 29 Jahren in die SPD eingetreten. Es war an meinem 16. Geburtstag, damals war die SPD noch die Partei der Jugend. Das hat sich verändert, die AG 60plus hat die SPD fest im Griff, das sind die Nachwuchspolitiker von damals. Wenn die SPD allerdings eine moderne Volkspartei sein will, dann müssen wir wieder jünger werden und da dies nicht von alleine passieren wird, plädiere ich für die Einführung einer Jugendquote. 25 Prozent der Mitglieder in Führungsgremien müssen jünger als 35 Jahre sein und bei der Listenaufstellung muss jeder fünfte Listenplatz für Mitglieder im Juso-Alter genutzt werden. Quoten sind eine bindende Selbstverpflichtung, die den eigenen Anspruch unterstreichen. Ohne junge Leute hat die SPD keine Zukunft. Ohne Frauen sowieso nicht und auch hier muss die SPD nachbessern und dafür sorgen, dass mehr Frauen in Führungspositionen kommen.

Lars Klingbeil hat es vorgelebt

Vor sechs Jahren haben wir den Verein D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt e.V. zusammen mit vielen Freunden und Wegbegleitern gegründet, um Impulse für progressive Digitalpolitik in Deutschland zu geben. Einer der Initiatoren war der zukünftige SPD-Generalsekretär und heutige Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil. Er hat schon früh erkannt hat, dass wir mehr Menschen an die Sozialdemokratie binden können, wenn wir mehr als nur die tradierten Strukturen anbieten. Wir haben gezeigt, dass es möglich ist, Debatten digital zu führen, dass man digital mobilisieren kann und dass sich auch bei überwiegend digitalen Formaten ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln kann. Wir haben aber auch gemerkt, dass es ganz ohne Parteitreffen eben auch nicht geht. Die überwiegende Anzahl unserer Mitglieder von D64 sind nicht in einer Partei, aber wollen sich politisch engagieren. Wir bieten damit eine Offenheit, die die SPD derzeit nicht bieten kann.

Strukturdebatten führt die SPD seit 154 Jahren, damit haben wir also Erfahrung. Die SPD ist gut beraten, sich auf dem Bundesparteitag im Dezember endlich eine zeitgemäße Struktur zu geben, damit die SPD jünger, weiblicher und digitaler wird. Die von mir unterstützte Initiative SPD++ hat entsprechende Vorschläge unterbreitet. Martin Schulz hat SPD++ seine Unterstützung signalisiert, jetzt muss er liefern, auch im eigenen Interesse als Parteivorsitzender der SPD. Nur dann wird die SPD wieder das, was sie von ihrem Selbstverständnis gerne ist und wie es Kurt Beck mantraartig vor sich hergetragen hat: "nah bei de Leut".